Die Auseinandersetzungen in Pine-Ridge in den 1970er Jahren – der historische Hintergrund von Liselotte Welskopfs Pentalogie „Das Blut des Adlers“

Weltweite Aufmerksamkeit sollten die Aufstände in der Pine Ridge Reservation Anfang der 1970er Jahre erlangen, die mehrfach auch von Liselotte Welskopf-Henrich besucht wurde, die hier Bekanntschaft mit mehreren renommierten AIM-Aktivisten schließen konnte. Nachdem bereits im Herbst 1970 Sioux von Pine Ridge, Rosebud und Rapid City den Mount Rushmore unter Berufung auf den Vertrag von Fort Laramie 1868, in dem die Black Hills den Indianern auf ewig zugesprochen worden waren, besetzt hatten, erfolgte am 27. Februar 1973 durch Mitglieder der indianischen Widerstandsorganisation American Indian Movement zusammen mit Sympathisanten aus der Pine-Ridge-Reservation unter Ausrufung der unabhängigen Oglala-Nation die Besetzung der Ortschaft Wounded Knee. In diesem Gebiet hatte am 29. Dezember 1890 das Massaker von Wounded Knee (im Lakota-Dialekt: Chankpe Opi Wakpala) stattgefunden, wobei hier dreihundert wehrlose Angehörige verschiedener Sioux-Indianerstämme von Angehörigen des 7. US-Kavallerie-Regiments ermordet wurdet. Diese Greueltat brach den Widerstand der indigenen Bevölkerung in den Dakotas endgültig. In diesem Gebiet, das nach wie vor zu den ärmsten Gegenden der Vereinigten Staaten gehörte, herrschten in den 1970er Jahren bürgerkriegsähnliche Zustände, dies vor allem, als Richard Wilson Dick Wilson von 1972 bis 1976 gewählter Stammesvorstand der dort lebenden Oglala war. Dieser errichtete ein diktatorisches, quasi mafiaartiges System, das sich nicht am Gemeinwohl orientierte, sondern auf einem Netzwerk von ihm treu ergebenen Familienangehörigen und engen Freunden beruhte, die bei Jobvergaben bevorzugt worden waren. Außerdem wurde jegliche Opposition schon im Ansatz von Wilsons paramilitärischer Privatmiliz, den „Guardians of the Oglala Nation“ (GOONs) mit Methoden unterdrückt, die an das Vorgehen der SA während der Hitlerdiktatur erinnerten, dabei aber das stillschweigende Wohlwollen und die Billigung der Polizeikräfte sowie des FBI besaßen. Während Wilsons Amtszeit kam es daher zu einer Reihe von gewaltsamen und bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen mit dem neuentstandenen American Indian Movement (AIM), dessen Aktivisten zumeist nicht aus den Reservaten kamen, mit den Behörden.
Eine auch international bekanntgewordene Aktion in der Ortschaft Wounded Knee brachte die Pine Ridge Reservation ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit, als am 27. Februar 1973 bewaffnete AIM-Mitglieder Wounded Knee besetzten und elf Geiseln nahmen, um die Absetzung von Dick Wilson zu erzwingen. Durch die gute Medienarbeit des AIM waren viele Reporter amerikanischer und internationaler Medien am Ort des Geschehens und berichteten täglich für ein weltweites Publikum.

Als die Forderung nach der Absetzung Regierung von Pine Ridge erfolglos blieb und schwer bewaffnete FBI-Agenten stattdessen einen Belagerungsring um die Besetzer in Wounded Knee zogen, riefen diese nach mehrmaligem Scheitern von Verhandlungen mit einem stellvertretenden Attorney General der USA schließlich die unabhängige Oglala-Nation aus, wobei sie hier die Zustimmung und ideelle Unterstützung von vielen Vertretern auch anderer indianischer Nationen der USA sowie anderer Länder erhielten. Die seBesetzung dauerte insgesamt 71 Tage. Am 8. Mai kapitulierten die Aufständischen, nachdem der besonders in den Nachtstunden aufflackernde Beschuss durch ein Großaufgebot von FBI-Agenten und Nationalgarde am 26. April 1973 zum Tod des Oglala Lakota Buddy Lamont durch einen Scharfschützen geführt hatte. Es gab weitere Opfer während der Aktion und etwa sechzig Tote in den Jahren danach, als Dick Wilson und seine Anhänger blutige Rache nahmen.
Zur Unterstützung der indianischen Sache während der Belagerung von Wounded Knee lehnte der Schauspieler Marlon Brando den ihm für seine Rolle in Der Pate verliehenen Oscar ab, was zu einem publikumswirksamen Eklat führte, als an seiner Stelle Sacheen Littlefeather in traditioneller Kleidung der Apachen bei der Preisverleihung auftrat und die Erklärung abgab, Brando werde den Preis im Hinblick auf die „schlechte Behandlung der Native Americans durch die Filmindustrie“ nicht annehmen.
Nach dem Ende der Besetzung wurden viele der AIM-Aktivisten und deren Unterstützer angeklagt und vielfach zu Haftstrafen verurteilt. Marlon Brando nahm an den Gerichtsverfahren als Beobachter teil, um damit die Angeklagten – darunter die AIM-Führer Dennis Banks und Russell Means – öffentlichkeitswirksam zu unterstützen. Zu den internationalen Unterstützern zählte unter anderem auch Liselotte Welskopf-Henrich, der aus diesem Grund der Ehrenname „Lakota Tashina“ (Schutzdecke der Lakota) verliehen wurde.
Der Fall Mount Graham, des heiligen Berges der Apachen

Zu einem weiteren Brennpunkt im Kampf der Native Americans um ihre verbrieften Rechte, für welchen gerade auch die Bundesrepublik Deutschland Mitverantwortung trägt, wurden Auseinandersetzungen um die in-Besitznahme und de facto „Entweihung“ des Mount Graham, des heiligen Berges der Apache. Diesen „Dzil Nchaa Si An“ hatte zum Beispiel vor seiner Kapitulation 1886 auch der letzte Guerillaführer, der Medizinmann Geronimo aufgesucht, um den Rat der „Ga’an“, der dort weilenden Berggeister einzuholen.
Ende der 1980er Jahre war es trotz heftiger Proteste der dortigen indigenen Bevölkerung zur Errichtung des Mount Graham International Observatoriumkomplexes auf dem Mount Graham – MGIO-Projekt – gekommen, im Gebiet der White Mountain-Apache, in einem Territorium, das der dortigen indigenen Bevölkerung bis heute heilig und von unverminderter Bedeutung für die Ausbildung von Medizinleuten und spirituellen Führungspersönlichkeiten ist und zudem ein einmaliges und intaktes Ökosystem darstellt, einen Lebensraum für 18 einzigartige Pflanzen- und Tierarten. Dafür wurden 1988 alle zutreffenden Umwelt- und Kulturschutzgesetze ausgesetzt. Als 1989 mit der heimlichen Rodung des dortigen Waldes begonnen wurde, reagierte der Stammesrat der Apache von 1990 bis 1995 mit fünf einstimmigen Resolutionen, die den Widerstand gegen die Baupläne zum Ausdruck brachten. Inzwischen hatten auch verschiedene Lagestudien für den Teleskopbau gezeigt, dass das ausgewählte Areal den schlechtest möglichen Standort in Arizona darstellte, „inakzeptabel‘ wegen seines dichten Bewuchses, seiner ungünstigen Topographie und der beschränkten Anzahl von ‚Sichtnächten‘. Daraufhin kam es zwischenzeitlich für weitere Umweltstudien zum einem Baustopp, doch folgte 1996 die Durchsetzung des einzeiligen sog, ‚Mount Graham Riders‘, der die UA erneut von allen gesetzlichen Schutzbestimmungen befreite.
Das MGIO-Projekt, und hier vor allem der größte Teleskop LBT ist heute ein internationales Gemeinschaftsprojekt zwischen den USA, Deutschland und Italien sowie dem Vatikan, Letzterer der Hauptbetreiber eines der zwei anderen Teleskope, nachdem mehr als 15 amerikanische Partner das Projekt aufgrund umfangreicher eigener Studien, wegen finanzieller Probleme und nicht zuletzt auch wegen der anhaltenden Proteste der ansässigen Apache, aufgegeben haben. Dabei geht es den verbliebenen Betreibern schon lange nicht mehr um die Qualität von Wissenschaft, sondern vor allem um Prestige, Macht, Ansehen und Geld. Der deutsche Anteil entfällt dabei auf die Max-Planck-Institute für Astronomie in Heidelberg, für Extraterrestrische Physik in Garching, und das Institut für Radioastronomie in Bonn. Außerdem sind auch das Astrophysikalische Institut in Potsdam und die Landessternwarte von Heidelberg am LBT beteiligt.
Verbindungen der widerständigen Native Americans zur Ökologischen Bewegung in Europa
Auch nach diesen spektakulären Ereignissen sollten die widerständigen Native Americans keineswegs zur Ruhe kommen und auch keine Ruhe geben, wobei sie in der Folge Verbindungen zur gerade im Entstehen befindlichen internationalen Anti-Atom- und Ökologiebewegung, und dies gerade auch in Deutschland, zu knüpfen trachteten, wo die Anti-Atomkraft-Bewegung sich zwischen 1977 und 1979 in Verbindung mit dem Widerstand in Kalkar, Grohnde, Gorleben und Wackersdorf zu einer echten Massenbewegung entwickelte, aus der als neue Partei die Grünen hervorgingen.
„Mit keinem anderen Kontinent unserer Erde ist die Uran- und Atomindustrie so eng verflochten wie mit Nordamerika – und mit keinem anderen Staat der Welt so unheilbar verfilzt wie mit den USA. In unserer vom militärischen und kommerziellen Atom-Fallout verseuchten Welt sind wir inzwischen alle Opfer – zuerst und vor allem leiden die Indianer auf dem Colorado Plateau im Südwesten der USA, im Bundesstaat Washington oder bei den Black Hills: denn in ihren so benannten ‚Reservaten‘ oder nahebei wird das strahlende Material abgebaut und verarbeitet“.2 Nicht zuletzt auch deutsche Energiefirmen haben lange Zeit davon profitiert, dass indianische Bergarbeiter seit fast 50 Jahren in auf ihren Territorien liegenden Minen zu ihrem Nutzen „Uran gefördert haben und es auch weiterhin tun, sei es oben in der kanadischen Subarktis von Saskatchewan oder in der Wüste von New Mexiko. Sie sterben und wir nehmen es nicht zur Kenntnis.“ Diese „ersten indigenen Atomopfer“ hatten das Pech, das in den ihnen seinerzeit zugewiesenen armseligen Reservationen plötzlich Bodenschätze, so oftmals auch Uran, gefunden wurde, das auf dem Weltmarkt begehrt war. Nach dem Abbau und der Auflassung der Minen blieben Müllhalden zurück, deren Giftstoffe in den Boden sickerten und viele Erkrankte und Tote zurückließen. Wieder einmal mehr waren, wie schon so oft in der Vergangenheit, Profitinteressen wichtiger als die Menschenleben in den betreffenden Gebieten. Und „was war mit den indigenen Völkern, die selbstverständlich für britische, US-amerikanische und französische Atombombentests geopfert wurden? Sie alle erfüllten nicht die Kriterien der Berichterstattung, waren – wenn überhaupt – nur eine Randnotiz wert. Was war zu tun? Wir müssen die Indianer wieder holen, sagten wir zueinander. Der Kontakt zwischen Menschenrechtlern, Anti-Atomaktivisten und der Friedensbewegung war seit 1977 mehr oder minder intakt geblieben“.3

Quelle: Wikipedia 4
Wie der Journalist Claus Biegert weiter ausführt, war es dabei zunächst die Indianeraktivistin „Winona LaDuke, eine junge Frau der Anishinabe aus Minnesota, die unser aller Augen öffnete und erzählte, dass gut Dreiviertel des nordamerikanischen Urans aus dem Boden der indianischen Reservate stamme. Eine kurze Begegnung in der Cafeteria der UNO sollte mein Leben als Journalist prägen. Winona kam an meinen Tisch, hatte ein Blatt Papier in der Hand, auf dem hatte sie die Reservate und die Regionen der Urangewinnung skizziert: ‚Wenn du vorhast, weiterhin über uns Ureinwohner zu schreiben‘, sagte sie, ‚dann solltest du dein Augenmerk auf Uran lenken!‘ – „You should focus on uranium“! – wie ein Mantra blieb diese Aufforderung in meinen Ohren hängen. Ich tat es, und tue es immer noch.“5
Auch in den folgenden Jahren rissen diese Verbindungen nicht ab, zumal man auf Seiten der Indianer seit dem Auftritt bei der UNO in Genf um eine engere Partnerschaft bemüht war, wobei es um eine „Allianz auf Augenhöhe“ ging, „man wollte keine Abhängigkeit Hilfsbedürftiger. Außerdem hatte die AIM-Spitze erkannt, dass sich Gehör im eigenen Land besser über die europäischen Medien und Regierungen erreichen ließ“. Das Aufkommen und Anwachsen der westdeutschen Grünen wurde jenseits des Atlantiks aufmerksam verfolgt; ebenso deren Klage gegen die Lagerung von Atomraketen, die ein Jahr später, im Dezember 1984, vom Bundesverfassungsgericht zurückgewiesen wurde. In Telefonaten mit AIM-Mitgründer Dennis Banks waren die Geschehnisse in Deutschland so wichtig wie die Verfolgung indianischer Widerstandskämpfer in den USA.“6
Das internationale „World Uranium Hearing“ vom 13.-18. September 1992 in Salzburg
Dabei war nicht zuletzt gerade Tschernobyl zu einem Weckruf geworden, der gerade auch die deutsche Antiatombewegung auf die Barrikaden trieb. In der Folge kam es zur Planung und Initiierung eines internationalen „World Uranium Hearing“, das schließlich vom 13. bis 18. September 1982 – gerade auch unter Beteiligung zahlreicher Delegierter der indigenen Völker, die von den Problemen radioaktiver Verseuchung besonders betroffen waren, sei es, dass es auf ihrem Gebiet zu Atombombenversuchen gekommen war, sei es, dass bei ihnen Uran abgebaut wurde und radioaktive Müllhalden eingerichtet wurden, welche das Grundwasser sowie ihr Land verseuchten und unzählige Opfer forderten.. Vorangegangen waren fünf Jahre intensivster vorbereitender Planungen. „Vom 12. bis 19. September sprachen die Zeugen des Atomzeitalters (wie vermieden den Begriff Opfer und nannten sie witnesses) in der Aula von Salzburgs Alter Universität vor einem sogenannten Board of Listeners. Jede Person dieses Boards verpflichtete sich, das Gehörte weiter zu tragen“.7

Linkes Bild: Aktivist und Schauspieler Floyd Red Crow Westerman bei der Eröffnungsfeier auf dem Mönchsberg / Salzburg
Rechtes Bild: Hopi-Sprecher Thomas Banyacya erzählt auf der zeremoniellen Eröffnung des WUH von der Prophezeiung seines Volkes
Immer wieder hatten aber auch vorher schon Delegierte verschiedenster indigener Völker in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für bedrohte Völkergerade auch Deutschland bereist, um hier auf ihre Probleme hinzuweisen, aber auch um die Arbeit der hier tätigen Bürgerinitiativen gegen die Atomkraft – etwa im badischen Wyhl – solidarisch zu unterstützen.
Ein Unterstützungsbesuch bei den oberpfälzer BIs gegen die WAA in Wackersdorf

Ein weiterer Besuch erfolgte 1987 – wieder mit tätiger Unterstützung der Gesellschaft für bedrohte Völker sowie des Evangelischen Bildungswerks in Regensburg – in der Oberpfalz, wo sich die „Mütter gegen Atomkraft“ in Regensburg dabei 1987 an der Betreuung dieser Gäste beteiligten, die auch Regensburg, Schwandorf und das Marterl in Wackersdorf besuchten. Diese Vertreter indigener Völker (Indianer aus Kanada und den USA, Aborigines aus Australien und Südseeinsulaner) berichteten unter anderem vom Uranabbau und von Atomwaffenversuchen auf ihren Territorien und von den dadurch verursachten katastrophalen gesundheitlichen Schäden für ihre Völker und bekundeten ihre Unterstützungsbereitschaft für den Anti-WAA-Widerstand in der Oberpfalz.Dabei weigerte sich die damalige Stadtspitze der Oberpfalz-Metropole, diese Gäste auch nur zu empfangen, und auch Bischof Manfred Müller, das damalige Oberhaupt der katholischen Kirche der Region, lehnte einen Empfang mit der Begründung ab, dass diese Besucher nicht seiner Diözese angehörten, was damals ungläubiges Kopfschütteln und Kritik bei nicht wenigen Regensburger Bürgern hervorrief.
UR, NZ – 20.08.2026
- Datei:Mount graham in 2020.jpg. (12. Oktober 2024). Wikimedia Commons . Abgerufen am 21. September 2026 von
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↩︎ - Gert Hensel: „Strahlende“ Opfer. Amerikas Uranindustrie, Indianer und weltweiter Überlebenskampf., Giessen 1987 ↩︎
- Günter Anders, zit. nach Kap. 12a Claus Biegert: Die Indianer kommen. S. 3 ↩︎
- Datei:Winona laduke.jpg. (8. September 2025). Wikimedia Commons . Abgerufen am 21. September 2026 von
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Winona_laduke.jpg&oldid=1082560918 . ↩︎ - Claus Biegert: Die Indianer kommen. Kap. 12a, S. 1 ↩︎
- Ebenda, S. 4 ↩︎
- Ebenda, S. 8 ↩︎