… Nez Percé und Chiricahua-Apachen.
Hatte sich die Freiwilligenarmee des US-Bürgerkriegs von 1861-1865 noch zumeist aus Siedlern zusammengesetzt, rekrutierte sich das Heer der Nachkriegszeit, der gegen die aufständischen Indianer eingesetzte „Grenzarmee“, vor allem aus Angehörigen des städtischen Proletariats und hier nicht zuletzt aus Einwanderern. Hatte schon vor dem Bürgerkrieg fast die Hälfte der regulären Armee aus Iren und Deutschen bestanden, blieb es auch nach dem Krieg bei diesem hohen Prozentsatz. Besonders hoch war dabei der Anteil irischer und deutscher Soldaten im Unteroffizierskorps, da viele von ihnen schon in ihrer altem Heimat Militärdienst geleistet hatten und deswegen – wenn auch vielleicht nicht gerade für die Kämpfe gegen die Indianer – gut ausgebildet und gerüstet zu sein schienen.
Die Schlacht am Little Bighorn

Berühmt-berüchtigt ist vor allem der auch in Liselotte Welskopf-Henrichs „Die Söhne der Großen Bärin“ erwähnte George Armstrong Custer (* 5. Dezember 1839 in New Rumley, Ohio; † 25. Juni 1876 am Little Bighorn, Montana), der schon zu Lebzeiten eine äußerst umstrittene und dubiose Gestalt war. Zunächst Oberstleutnant des US-Heeres und Generalmajor des Unionsheeres im Sezessionskrieg diente er nach dem Bürgerkrieg in den Indianerkriegen gegen die Sioux und wurde vor allem durch seine Niederlage und seinen Tod in der Schlacht am Little Bighorn bekannt.
Custers Familie lebte bereits in der dritten Generation in den USA. George Armstrong Custers Vorfahren väterlicherseits waren der hessische Offizier Paulus Küster und seine Frau Gertrude, die um das Jahr 1693 vom Niederrhein im Gefolge der ersten dreizehn Einwandererfamilien aus Krefeld und Umgebung (1683, Gründung von Germantown, Pennsylvania) in die späteren USA auswanderten.
1867 wurde George Armstrong Custer, dieser ein gewissen- und skrupelloser Ehrgeizling, wegen fortgesetzter Disziplinlosigkeit unter Arrest gestellt. Nach dem Abschluss der Ermittlungen wurde ein Militärgerichtsverfahren gegen ihn eröffnet und er wurde ohne Sold für zwölf Monate suspendiert. 1868 „rehabilitierte“ sich Custer in den Augen der Öffentlichkeit, als er während des Winterfeldzuges an den Ufern des Washita ein Dorf der Südlichen Cheyenne unter Black Kettle im Morgengrauen angriff und zerstörte, wobei bei dem Angriff eine große Zahl von indianischen Nichtkombattanten getötet wurden. Es gibt Darstellungen der Schlacht, welche zu belegen scheinen, dass die US-Kavallerie von den Cheyenne freundlich begrüßt wurde, die Soldaten jedoch plötzlich und völlig unerwartet das Feuer eröffnete. Den meisten Indianern gelang zwar die Flucht in die Wälder. Jedoch mussten sie alles Hab und Gut und hier insbesondere ihre Pferde zurücklassen, die auf Custers Befehl hin eingefangen und von denen über 1000 erschossen wurden. Dies machte den Indianern die Büffeljagd unmöglich und der Verlust ihrer Habe und ihrer Vorräte für den Winter erschwerte ein Überleben im Winter deutlich. Die meisten Opfer gab es somit erst nach der Schlacht. Dieser „Sieg“ sollte im Übrigen der einzige Erfolg Custers im Kampf gegen die Indianer bleiben.
1873 wurde Custer in die nördlichen Plains abkommandiert, wo er einige Scharmützel gegen Sioux im Gebiet des Yellowstone führte. 1874 führte er eine 1200 Mann starke Expedition in die Black Hills. Noch bevor die Weißen kamen, hatten die Sioux die Black Hills als Heiligtum, verehrt, sahen sie hier doch den Ursprung ihres Volkes. Noch im Jahr 1867 war ihnen außerdem unter Häuptling Red Cloud von der Regierung der Vereinigten Staaten der Besitz der Berge auch offiziell garantiert worden. Als 1874 im Tal des French Creek nahe der heutigen Stadt Custer einer der Erkundungstrupps Goldentdeckte, ließ Custer unverzüglich dementsprechende Erfolgsmeldungen in Zeitungsberichten verbreiten und lösten damit ganz bewusst den Goldrausch in den Black Hills aus. Mit diesen Berichten sollten die Goldsucher in das den Sioux zugesprochene Gebiet gelockt werden, um Angriffe der Indianer wegen deren unrechtmäßigen Eindringens in ein ihnen heiliges Territorium zu provozieren, was das Eingreifen der Armee gegen sie rechtfertigen würde. Letzterer Plan aber schlug fehl, weil die Sioux sich nicht zu Gewalttaten hinreißen ließen.
Als die Sioux wenig später aber in den ihnen zugewiesenen Reservationsgebiete interniert werden sollten und sich diesen Plan widersetzten, griff Custer am 25. Juni 1876 mit dem von ihm befehligten aus vielen Deutschen bestehenden 6. Kavallerieregiment in der Schlacht am Little Bighorn das Lager der verbündeten Sioux und Cheyenne, die von den Häuptlingen Sitting Bull, Gall, Two Moons, Crazy Horse und Spotted Elk alias Big Foot angeführt wurden, am Ufer des Little Bighorn an. Dort hatten sich ungefähr 2.000 Krieger versammelt, sodass die US-Soldaten zahlenmäßig und erstmals in der Geschichte auch waffentechnisch stark unterlegen waren. Custer hatte sein Regiment zudem in drei Teile aufgeteilt, um das Lager von mehreren Seiten aus anzugreifen. Die überlegene Streitmacht der Indianer trieb Custers Truppenteil schnell zurück und konnte ihn bei seinem Rückzug auf einem Hügel stellen, auf dem Custer und seine Männer ausnahmslos getötet wurden. Zu den Gefallenen gehörten auch Custers Brüder Thomas Custer (* 1845) und Boston Custer (* 1848) sowie zahlreiche weitere deutschstämmige Kavalleristen. Dennoch konnte dieser Sieg nichts am Schicksal der Sioux und Cheyenne ändern, was auch im letzten Band „Über den Missouri“ von Welskopf-Henrichs „Die Söhne der Großen Bärin“ thematisiert ist.
Inmut-to-yah-lat-lat, („Donner vom Berge“)
In den „Söhnen der großen Bärin“ kommt auch Donner vom Berge, ein junger Häuptling der Blackfeet vor, der während Tokei-ihtos zeitweiligen Aufenthalt bei den Schwarzfüßen, diese realiter eigentlich Todfeinde der Sioux, der engste Freund und Blutsbruder des jungen Dakota wird. Gleichzeitig mit diesem hat er auch seinen Kriegsnamen erhalten und erstmals den Sonnentanz getanzt. Später, als die Bärenbande Tokei-ihtos auf ihrer Flucht nach Kanada auch das Gebiet der Blackfeet durchqueren muss, stößt er auf einen Spähtrupp der Dakota und schließt sich zusammen mit seiner Gruppe nach einem tragischen letzten Kampf der Indianer untereinander den Sioux an, um deren Schicksal im „Land der Großen Mutter“ zu teilen, da die weißen Landräuber sich bereits darangemacht haben, auch gegen sein Volk vorzugehen und dieses in einer Reservation zu internieren..
Namensgeber und damit Pate für Donner vom Berge ist dabei wohl der gleichnamige Häuptling der Shahaptin bzw. Nez Percé, wie sie von den Weißen wegen ihres Nasenschmucks genannt wurde. Inmut-too-yah-lat-lat („Donner, der über die Berge rollt“), ein friedfertiger Mann, der zudem christlich auf den Namen Joseph getauft war und der später von seinen weißen Gegnern den Ehrennamen „Der rote Napoleon“ verliehen bekam, konnte sich mit seinen Anhängern auf der Flucht nach Kanada lange Zeit immer wieder mit größtem strategischen Geschick der ihn verfolgenden Übermacht entziehen, bevor er schließlich gestellt werden konnte. Dieser tragisch
ausgehende Marsch war wohl die bedeutendste strategische Leistung der Indianer in ihrem langen Kampf mit den Europäern und der US-Armee. Obwohl den Indianern, die auf ihrem Marsch zu keiner Zeit über mehr als zweihundertfünfzig kampffähige Krieger verfügten, die zudem etwa vierhundertfünfzig Frauen, Kinder und Greise, Rinderherden und Pferde zu schützen hatten, auf der anderen Seite insgesamt fast fünftausend Soldaten und Freiwillige mit Kanonen, Schnellfeuerkanonen, Kavallerie, Infanterie und Artillerie gegenüberstanden, gelang es ihnen in dreizehn Schlachten und Gefechten in fast allen Fällen, die US-Armee zu besiegen oder wenigstens zum Anhalten zu bewegen. Erst wenige Kilometer vor der kanadischen Grenze mussten sie sich schließlich, völlig am Ende ihrer Kräfte, viele von ihnen krank oder verwundet, der Übermacht der Weißen ergeben. Am 05. Oktober 1877, um vier Uhr nachmittags ritt Inmut-too-yah-lat-lat in Begleitung von fünf Kriegern, die zu Fuß neben ihm hergingen, zur Aushandlung der Kapitulationsbedingungen zu den gegnerischen Befehlshabern General Howard und Oberst Mildes.

Liselotte Welskopf-Henrich zitiert die berühmte überlieferte Rede des Häuptlings der Shahaptin, der bei ihr den Namen Hinmaton-Yalaktit trägt, als die Flüchtlinge schließlich aufgeben und legt sie Tokei-ihto vor dem Aufbruch der Bärenbande nach Kanada in den Mund:
„(…) ‚ich bin des Kampfes müde. Unsere Häuptlinge sind getötet. Sehendes Glas ist tot, Toohulhulsate ist tot. Die alten Männer sind alle tot. Nun sind es die Jungen, die ja oder nein sagen. Der, der die jungen Männer führte, ist tot. Es ist kalt, und wir haben keine Decken. Die kleinen Kinder erfrieren. Viele meines Volkes sind in die Berge geflohen, sie haben keine Nahrung und keine Decken. Niemand weiß, wo sie sind … vielleicht erfroren. Ich möchte Zeit haben, nach meinen Kindern zu suchen, und sehen, wie viele ich finden kann. Mag sein, dass ich sie unter den Toten finde. Hört mich, ihr Häuptlinge, ich bin müde. Mein Herz ist krank und traurig. Die Sonne sinkt. Ich werde niemals mehr kämpfen“. (Hier zitiert nach Liselotte Welskopf-Henrich: Die Söhne der Großen Bärin, einbändige Originalfassung, Berlin 1952, S. 248f., dsgl.. Dieselbe: Die Söhne der Großen Bärin. Bd. 6: Über den Missouri, Berlin 1993, S. 101f.)
Die überlebenden Nez Percé wurden zunächst in die Ponca Reservation verbracht, wo viele von ihnen an Malaria und anderen Krankheiten sowie Hunger starben. Inmit-too-ya-latlat aber starb am 21. September 1904 an „gebrochenem Herzen“ auf der Colville Reservation im Staat Washington. „Nichts wäre für die USA leichter gewesen, als die 250 Krieger und 450 Frauen in Frieden ziehen zu lassen. Sie waren in Kanada willkommen. Aber am Beispiel dieser kleinen Gruppe bis dahin loyaler, freundlicher und unkriegerischer Indianer zeigt sich die Einstellung der US-Politik. Es ging nicht darum, sie aus einer Reservation zu vertreiben und sie in lebensfeindlichere Landstriche umzusiedeln, es ging auch nicht darum, amerikanische Zivilisten oder Soldaten zu schützen. Die Indianer wären kein Problem mehr gewesen, hätten keinerlei Kosten mehr verursache und hätten niemanden bedroht, verletzt oder getötet. Es ging ganz einfach um die Durchsetzung selbstherrlicher Vorstellungen. Die US-Regierung wollte lediglich durchsetzen, dass unterprivilegierte Bevölkerungsgruppen einmal gegebene Befehle unter allen Umständen auszuführen hätten“. (H. J. Stammel: Indianer – Legende und Wirklichkeit von A-Z. Leben – Kampf – Untergang, Gütersloh-Berlin 1992, S. 191)
Der letzte Kampf der Apache
Obwohl der allerletzte Kampf von Native Americans Mitte der 1880er Jahre, hier der Chiricahua-Apache unter deren Anführer Geronimo, von Liselotte Welskopf-Henrich nicht thematisiert wurde, sei hier dennoch wenigstens kurz darauf eingegangen, weil auch hier ein deutscher Auswanderer tatkräftig an der Niederlage der Indianer Anteil hatte. Bekannt durch seinen Einsatz gegen die aufständischen Apache unter Geronimo wurde nämlich nicht zuletzt der 1843 im badischen Mingolsheim im Kraichgau als Albert Sieber geborene Al Sieber, der nach seiner Auswanderung in die USA zunächst als Soldat im Bürgerkrieg und anschließend als Chef-Scout und Dolmetscher in der United States Army während deren langjährigem Kampf gegen die Apache im Südwesten der USA war. Hier wurde Sieber unter anderem mit der Gefangennahme der Häuptlinge der Chiricahua-Apachen Cochise und Geronimo beauftragt. Sieber wurde von Historikern zu den hgroßen Gestalten der Grenzgeschichte Arizonas gezählt, der die bedeutendsten Führer und Persönlichkeiten der Apachen persönlich kannte: Massai, Eskiminzin, Cochise und dessen Sohn Naiche, Chiricahua-Loco, Geronimo und Chato.

Geronimo, der letzte Widersacher kapitulierte nach den Verhandlungsgesprächen am 04. September 1886 mit nur noch 36 verbliebenen von ursprünglich 500 Chiricahua-Kriegern und stellte sich den Amerikanern unter dem Kommando von General A. Miles, die ihm jahrelang vergeblich mit 5000 Soldaten, einem Heliografensystem, 500 Apache-Scouts und deren Chefscout Al Sieber sowie mit 100 Navajo-Scouts und 3000 mexikanischen Soldaten nachgestellt hatten. Die gefangenen Chiricahua-Apachen wurden zusammen mit Geronimo in die Sumpfgebiete Floridas deportiert, wobei Al Sieberts Apache-Scouts im Übrigen ihr Schicksal teilen mussten. Obwohl Geronimo eine Rückkehr in seine alte Heimat versprochen worden war, sollte er diese, ebenso wie seine Leidensgefährten, niemals wiedersehen.
UR – 11.08,226 (2021)