Die Indianer, meine Mutter und ich

Der folgende Text wurde 1974 in Schriftsteller erzählen von ihrer Mutter veröffentlicht. (Hrsg. Hans-Peter Richter, Engelbert-Verlag Balve, S. 145 – 150)

Liselotte 1906 mit Elly
© R. Welskopf

Es ist eine natürliche und zugleich merkwürdige Geschichte, die ich euch erzählen will. Sie beginnt mit den Indianern, – wenn ihr wollt, vor zehn-, zwanzig- oder vierzigtausend Jahren -, als die braunhäutigen schwarzhaarigen Menschen in die unbekannte Wildnis des großen Konti­nents eindrangen, der wir später den Namen Amerika gegeben haben. Kein Geschichtsschreiber hat die Taten und Leiden dieser ersten Entdecker aufgezeichnet, und noch hat kein Dichter ihnen mit seiner Einbildungskraft nachgespürt.

Vergangen und vergessen – – ? Nicht ganz. Sagen und Legenden sind geblieben, und die Menschen – – die Nachkommen. Nachdem sie einen Kontinent mit unendlichen Mühen und Gefahren, mit ganz einfachen Waffen und Werkzeugen erschlossen hatten, sind neue Ent­decker gekommen – das waren unsere Väter, Großväter, Urgroßväter – sie hatten schon bessere Waffen und wirkungsvollere Werkzeuge und blieben Sieger. Heute gibt es in Amerika über vierzig Millionen Indianer, als Farmer, Rancher, Landarbeiter, Industriearbeiter, in Süd­ame­rika und Mexiko, auf den Reservationen in USA und Kanada. Es gibt indianische Lehrer, Ärzte, Rechtsanwälte, Künstler, Wissenschaftler. Der größte Teil der Indianer aber lebt noch in Armut; einige wenige haben in der Wildnis des Amazonas ihre Lebensweise beibehalten. Ohne die Indianer hätte die Geschichte, die ich euch erzählen will, nicht geschehen können.

Meine Mutter war eine schöne Frau, lebhaft und intelligent, alle liebten sie, und ich liebte sie über alle Maßen und war ihr ganz und gar gehorsam. Sie erwartete das von mir, und für mich gab es zu jener Zeit, als ich neun Jahre alt war, keinen Zweifel daran, daß sie damit recht habe.

„Warum liest du das Buch nicht weiter, Lislott?“

„Es ist schwer – ich verstehe es nicht recht.“

„Es ist ein gutes Buch. Du liest es.“

Ich las es. Es war ein sehr dickes Buch, genau gesagt, es waren mehrere Bände. In der Schule hatte ich von Geographie und Geschichte Amerikas noch nichts erfahren. Ich mußte meinen Kopf anstrengen und viele Fragen stellen, um hinter die Dinge zu kommen. Ich tat das.

„Lislott – hast du heute nacht heimlich gelesen ?“

„Nein – nein.“ Mir war nicht wohl bei der Lüge. Vielleicht war es überhaupt meine erste Lüge. Ja, ich glaube, es war das erstemal, daß ich meine Mutter anlog.

„Und was ist das ?“

Mutter hatte das Lesezeichen unter dem Bett gefunden. Ich wußte, daß ich es verloren hatte; ich hatte es auf den Knien und auf dem Bauche liegend des nachts gesucht. Gefunden hatte es jetzt meine Mutter.

Ich wurde glühend rot. Ich spüre heute noch, wie heiß mein Gesicht wurde.

„Lislott !“

Ich sagte nichts mehr. Ich schämte mich.

Die Lederstrumpfgeschichten durfte ich aber weiter lesen. Der jüngste Bruder meiner Mutter, ihr Lieblingsbruder, ein Forstmeister, hatte sie mir geschenkt.

Des Abends brannte die Familienlampe über dem Familientisch. Meine Eltern lasen Zeitung.

„Lislott – hier, lies. Deine Indianer haben einen Aufstand gemacht. Der Präsident von Mexiko schickt Truppen gegen sie. Nun wird es ihnen sehr übel ergehen. Aber du tust nichts für sie! Du redest nur unentwegt von deinen Indianern.“

Ich las. Es waren die Yaqui-Indianer, die ihre Heimat verlassen sollten und die darum zu den Waffen gegriffen hatten.

Ich schämte mich wieder. Ärger als das erstemal. Ich redete nur – ich tat nichts. Was für eine Schande, was für eine Schande! Die Yaqui-Indianer, die ihre Heimat nicht verlassen wollten, wurden vielleicht jetzt eben niedergemetzelt, während ich in die Schule ging, Indianerbücher las und nichts tat – für „meine“ Indianer. Das Wort hatte mich getroffen. Ich wollte nach Mexiko fahren, um den Präsidenten um Gnade für die Yaqui zu bitten. Aber Paß und Geld fehlten mir. Ich war erst zehn Jahre alt.

So schrieb ich einen Brief. Er war lang, und ich hatte mir jedes Wort genau überlegt. Einen ganzen Sonntag brauchte ich, um den Brief ins Reine zu schreiben. Mein Vater brachte ihn an die Bahnpost, damit er nicht zu spät käme. Die Adresse lautete: An den Präsidenten von Mexiko in Mexiko.

Erstausgabe von DIE SÖHNE DER GROSSEN BÄRIN

Niemand glaubte, daß ich eine Antwort erhalten würde.

Kurz vor Weihnachten war ich wieder einmal zu spät aufgestanden und stürzte die Treppe über zwei und drei Stufen hinunter, um die Schule noch zur Zeit zu erreichen. An der Haustür prallte ich auf den Briefträger.

„Ein Brief für dich!“

Die Marken waren sonderbar – mein Herz begann zu schlagen. Ich ließ Schule Schule sein und jagte die Treppe wieder hinauf.

Meine Eltern saßen beim Frühstück.

„Aus Mexiko!“

Der Brief war spanisch geschrieben. Wir verstanden kein Wort. Abends erfuhr ich den Inhalt. Der Präsident Francisco Madero schrieb dem kleinen Mädchen in Stuttgart, daß er seine Truppen angewiesen habe, menschlich vorzugehen.

Aber wenige Wochen später wurde Francisco Madero von seinem Gegner Felix Diaz gefangen genommen und während eines Transports „auf der Flucht erschossen“.

Ich zitterte und horchte auf. So also ging es in der Welt zu.

Das Jahr verfloß. Mein  Spielgefährte Armin sagte zu mir: „Ich habe interessante Bücher. Du mußt aber erst deine Mutter fragen, ob du sie lesen darfst. Sie sind von Karl May geschrieben, und Karl May hat im Zuchthaus gesessen.“

Meine Mutter hatte keine Ahnung, wer Karl May sei. Als sie aber das Wort Zuchthaus hörte, entschied sie: „Diese Bücher liest du nicht.“

Ich gehorchte.

„Schade“, meinte Armin. Damit war die Sache abgeschlossen.

Im Sommer fand ich in Tirol, in einem kleinen Dorf zwischen Bergen, Wäldern und Almweiden, einen weniger wohlerzogenen Spielgefährten. Wir spielten Indianer, und es ist ein wahres Wunder, daß kein Unglück dabei geschah. Unsere Häuptlinge kämpften auf selbstgebauten Flößen, mit langen Stangen, die sie für Speere hielten, auf einem Sumpfsee. Ich war Häuptlingsfrau und hütete das Feuer, damit kein Waldbrand entstand.

„Höre“, sagte mein indianischer Gemahl zu mir, „entweder liest du jetzt Karl May, oder du spielst nicht mehr mit.“

Am nächsten Morgen saß ich versteckt auf dem Dachboden des alten Bauernhauses und las Winnetou.

Ich liebte Winnetou, wie ich Unkas geliebt hatte. Old Shatterhand war mir zu eitel und zu selbst­gefällig, ich konnte ihn nicht ausstehen. Auch glaubte ich, daß der Schriftsteller gelogen haben müsse, wenn er behauptete, daß ein Apatschenhäuptling Madonnenaugen gehabt und nur um seines Freundes Scharlieh willen eine Bahn für den Feind mitten durch das Stammesgebiet fertig gebaut habe.

Ich beschloß, selbst zu studieren, was in Wahrheit geschehen sei und was für Charaktere jene Indianer gewesen seien, die ihre Heimat und ihre Freiheit verteidigt hatten.

Ich beschloß, Historiker und Schriftsteller zu werden.

Meine Mutter war sehr geduldig. Jahr um Jahr, Abend um Abend saß sie mir still gegenüber, wenn ich schrieb – und immer wieder schrieb, weil es mir noch nicht gelingen konnte, so zu schrei­ben, wie ich es mir vorgenommen hatte. Um ein Dichter zu sein, braucht man nicht nur Kennt­nisse, nicht nur Phantasie, nicht nur Liebe zu den Menschen – man muß das Leben kennen lernen.

Meine Mutter wartete und störte mich nicht.

Ich hatte eine gute Mutter, wenn sie auch nicht immer gewußt hat, was sie tat.

Als ich die Indianer, meine Freunde, in Kanada und in den Vereinigten Staaten von Amerika besuchen konnte, ruhte meine Mutter schon im Grabe, und ich vermochte ihr nur noch in Gedanken zu berichten, was alles daraus entstanden ist, daß sie eines Tages zu mir gesagt hat „Es ist ein gutes Buch … „