Liselotte Welskopf-Henrich, die Indianer & Sabine Uhlig

Dieser Beitrag erzählt von der frühen Indianistik-Szene in der DDR der 1960/70er Jahre. Sucht man nach diesem Begriff findet man einerseits dafür „Wissenschaft von den Sprachen und Kulturen der Indianer“, anderseits findet sich der Begriff im Zusammenhang mit sogenannten Reenactments von indianischen Bräuchen und Alltagsleben. Insbesondere Vereine in der DDR sprachen hier von Indianistik. Daran beteiligt war Sabine Uhlig, die diesen Bericht und die Fotografien zur Verfügung stellte.

Sabine Uhlig 1971 (Foto Uhlig)

Es waren die Anfragen des Karl-May-Museums Radebeul 2019 und die der Kunsthalle Rostock 2021, die mich mehr als ein halbes Jahrhundert zurück versetzten. Man bat, als Vertreterin der frühen Indianistik-Bewegung der 1960er Jahre in der DDR, meine selbst gefertigte indianische Festkleidung und handgearbeitete Westernausstattung sowie meine Sammlung zur DDR-Indianistik, zu der auch Briefe von Liselotte Welskopf-Henrich aus dieser Zeit gehören, als Leihgaben für die Ausstellungen in Radebeul und Rostock zur Verfügung zu stellen.
Meine indianische Kleidung entstand mit Hilfe des Ethnologen Dr. Lothar Dräger, Leiter der Nordamerika-Abteilung und des Forschungszentrums des Museums für Völkerkunde Leipzig/Grassimuseum und einer der profiliertesten Nordamerika-Experten in der DDR. 1968 erhielt ich von ihm Zugang zu interner Museumsliteratur des Grassimuseums und zu Ausstellungsstücken indigener Herkunft des 19. Jahrhunderts. Ich durfte sie vor Ort mehrere Tage studieren und entwickelte dabei unter seiner Anleitung meine indianische Festausstattung. Hauptstück ist ein Lederkleid mit beiderseitiger Perlenvollbestickung, Brandings, Kaurimuschel- u. Glasperlenbesatz. Für die Anfertigung benötigte ich vier Jahre. Es war eine der aufwändigsten indianischen Frauenkleidungen in der frühen ostdeutschen Hobbyindianer-Szene, der ich ab Mitte der 1960er Jahre zehn Jahre lang angehörte. Als Beispiel für die hohe Qualität der Indianistik-Bewegung in der DDR gehörte sie jetzt zu den Prunkstücken der Ausstellungen in Radebeul und Rostock.

Foto Kunsthalle Rostock 2021 – Ausstellungsvitrine mit einem Brief von Liselotte Welskopf-Henrich an S. Uhlig, S. Uhlig‘s Mitgliedsausweis und Kupferkette mit ihrem indianischen Namen „Tishunka-wasit-win“ von 1968, von Magdeburger Indianisten handgravierte Zinnplatte zum 13. Great Indian Council 1973 in Magdeburg
Brief von L. Welskopf-Henrich an S. Uhlig aus dem Jahr 1969

Als Zeitzeugin erzähle ich in diesem Beitrag von meinen persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen als ostdeutsche Indianistin und von der Bedeutung Liselotte Welskopf-Henrich‘s und ihrer Bücher für unser Arbeit. Ihre Indianerromane hatten mich und viele Hobbyfreunde mit ihrer eingehenden Erzählweise und der Darstellung historischer und sozialpolitischer Ereignisse auf eine Reise hinter den eisernen Vorhang zu den Ureinwohnern Nordamerikas mitgenommen. Ihr ethnologisches Wissen, ihr Einfühlungsvermögen in die indigenen Mentalitäten und ihr Engagement für deren Bürgerrechte ist in jeder Zeile erlebbar. Liselotte Welskopf-Henrich prägte entscheidend mein Interesse an den American Indians. Die authentischen Indianerromane und die Verfilmung der „Söhne der großen Bärin“ verschafften der ostdeutschen Indianistik-Bewegung großes Interesse und Zulauf. Ihre Bücher waren Standardwerke im Cluballtag, aus denen man Wissen und Anregung schöpfte. Ihre Darstellungen in der Pentalogie „Blut des Adlers“ über die Zustände in den Reservationen dieser Zeit veranlasste viele Hobbyfreunde, sich mit dem American Indian Movement (AIM) zu solidarisieren. Obwohl sie Angst hatten, damit in den Focus der DDR-Sicherheitsorgane zu geraten, schrieben sie Protestbriefe an die Regierung der USA und initiierten öffentliche Informations- und Hilfsaktionen. Trotz Liselotte Welskopf-Henrich‘s übervollem Terminkalender unterstützte sie die Indianisten mit ihrem Wissen und ihren Möglichkeiten, mit Kontakten zum AIM und zu Reservationen in den USA. Ihre Romane waren bei der Gruppenarbeit stets parat. Als 1967 „Licht über weißen Felsen“ erschien, verlieh mir unser Club aus diesem Buch den indianischen Namen „Tishunka-wasit-win“ (Schönes-Pferd-Mädchen), übergab mir den neuen Mitgliedsausweis und ein handgefertigtes Kupfermedaillon mit der Gravur dieses Namens. Kette und Ausweis gehörten über 50 Jahre später zu den Ausstellungsstücken in der Kunsthalle Rostock, ebenso wie einer der Briefe von Frau Welskopf-Henrich, in dem sie mir näheres zum Namen „Tishunka-wasit-win“ berichtete. Als ich die Anfertigung meiner indianischen Festkleidung plante, gab sie wertvolle Tipps und zeichnete Mustervorschläge. In einem ihrer Briefe lag ein Stachelschweinborsten verziertes Leder-lesezeichen, eine Handarbeit aus der Pine Ridge Reservation, das sie von ihren Reisen mitgebracht hatte. Die Briefe von Liselotte Welskopf-Henrich sind sehr persönliche Erinnerungen an meine Zeit als Indianistin in der DDR. Sie dokumentieren ihre Zugewandtheit zu ihren Lesern und zur Szene.

Brief von L. Welskopf-Henrich an S. Uhlig aus dem Jahr 1969

Der Indianistik-Bewegung in Deutschland und speziell den Indianisten in der DDR widmete sich das Karl-May-Museum Radebeul seit 2019 in den Sonderausstellungen „Die Deutschen und ihre Indianer“ und „Indianerszene im Osten“. Damit wurde dieses Thema erstmals kuratorisch aufgegriffen. Im Sommer 2021 begeisterte die Kunsthalle Rostock mit der Ausstellung „OST/WESTERN – Kino, Kult und Klassenfeind“. Es war eine Retrospektive mit modernem Blick auf die Indianerfilme als Dokumente ihrer Zeit, die ab den 1960er Jahren in beiden deutschen Staaten entstanden. Die guten Besucherzahlen trotz Corona belegten, daß die 11 bundesrepublikanischen „Karl-May-Filme“ und die 14 DEFA-Indianerfilme der DDR noch heute ihre Anhängerschaft haben. Die sehr erfolgreichen Filme und ihre Protagonisten Winnetou (Pierre Brice) und Old Shatterhand (Lex Barker) sind in die deutsche Kinogeschichte eingegangen, ebenso wie Gojko Mitic, Held der DDR-Indianerfilme und einer der wenigen international bekannten Stars der ostdeutschen DEFA. Während die „Winnetou-Filme“ der bundesrepublikanischen Rialto Film GmbH mit dem recht klischeehaften Bild des Wilden Westens vorwiegend auf die Unterhaltung des Publikums abzielten, ließen die Filmemacher der DEFA historische, ethnologische und sozialpolitische Belange einfließen. Eine besondere Rolle kommt dem ersten Ost-Indianerfilm „Die Söhne der großen Bärin“ nach dem Roman von Liselotte Welskopf-Henrich zu. 1966 war er der fulminante Auftakt zur beliebtesten und profitabelsten Filmreihe der DDR. Die Filmschaffenden der DEFA machten sich die Begeisterung für den Indianerroman Liselotte Welskopf-Henrichs zu Nutze und landeten damit einen internationalen Erfolg, obwohl die Schriftstellerin Vorbehalte bei der filmischen Umsetzung ihres Stoffes hatte. Gojko Mitic wurde zum Star und die Zuschauerzahlen erreichten bis dahin ungeahnte Höhen. Es gelang auch, die expansive Landnahme und den Mord an der amerikanischen Urbevölkerung eindrucksvoll darzustellen. Als im selben Jahr „Nacht über der Prärie“, Liselotte Welskopf-Henrichs ersten Band der Pentalogie „Blut des Adlers“ erschien, waren die Bücher durch ihre große Popularität schnell vergriffen und oft nur „unter den Ladentischen“ der DDR-Buchläden zu bekommen. Die Kunsthalle Rostock würdigte die besondere Rolle Liselotte Welskopf-Henrichs und nahm auch Bezug auf die Indianistik-Bewegung in der DDR.

How KolaIndianistik in der DDR

Schon um die 1920er Jahre befassten sich in Deutschland erste Interessengemeinschaften mit den Ureinwohnern Nordamerikas, eine Faszination, angeregt durch die Auswanderungsbewegungen, die fragwürdigen landesweiten Völkerschauen, die Deutschlandtourneen der amerikanischen Westernshow des „Buffalo Bill“, die Indianerliteratur u.a. von Karl-May.

Die Bevölkerung der DDR entwickelte eine ganz besondere Hinwendung zu den American Indians. 1956 gelang es Johannes Hüttner „Powder Face“ nach hartnäckigen Bemühungen bei den DDR-Behörden in Radebeul, dem Stammland von Karl-May, die erste Indanistik-Gruppe „OLD MANITOU“ zu gründen.

Ethnologe Erich Wustmann (rechts) im Gespräch mit Indianisten beim Great Indian Council 1968 in Taucha bei Leipzig 1968 (Foto unbekannt)

Bald folgten Clubgründungen in Taucha bei Leipzig, in Meißen, in Magdeburg. Die wachsende Indianistik-Bewegung wurde zähneknirschend behördlich geduldet und von den Sicherheitsorganen überwacht. Bis in die 1980er Jahre bildeten sich 50 Clubs mit mehr als 1000 Mitgliedern als Volkskunstgruppen in verordneter Trägerschaft eines volkseigenen Betriebes oder unter dem Dach des Kultur- u. Sportbundes der DDR. Die Indianisten lebten keine Wildwest-Romantik. Sie befassten sich auf völkerkundlicher Basis mit Kultur, Brauchtum und Geschichte der Ureinwohner Nordamerikas des 19. Jahrhunderts. Diese waren unterschiedlich in ihrer Lebensweise und äußeren Erscheinung. Jeder Club spezialisierte sich deshalb auf eine indianische Nation, erforschte und erlernte hobbywissenschaftlich indianisches Leben, Riten und Handwerkstechniken. Mit höchstmöglicher Authentizität wurden Kleidung, Alltagsgegenstände, Waffen selbst hergestellt und als experimentelle Archäologie in ihrer Alltagstauglichkeit geprüft und genutzt. Die frühen Indianisten betrieben auch den Westernbereich mit Enthusiasmus. Dazu gehörten kunstvolle Lederhandwerkstechniken und Metallgravierarbeiten für die selbst gefertigten Pistolengurte, Messerscheiden, Gürtelschnallen, lagen Bullenpeitschen, historischen Revolver und Repetiergewehre, mit denen man virtuos umzugehen verstand. Obwohl man sich mit der Einwanderungsbewegung befasste, waren die Indigenen Nordamerikas steter Schwerpunkt. Die Organisation der Materialien für die Herstellung der Indianer- u. Westernausstattung bedeutete in einem Land der ständigen Mangelwirtschaft eine vehemente Herausforderung. Im zum westlichen Ausland abgeschotteten Staat, in einer Zeit ohne World Wide Web, ohne Telefon in den meisten DDR-Haushalten und begrenztem Angebot in den Buchläden gab es kaum Zugang zu wissenschaftlichem Material. Ethnologisches Wissen wurde aus den Völkerkundemuseen der DDR geholt, aus den ethnologischen Bereichen der Universitäten und über Schlupflöscher aus dem „Westen“ besorgt. Oft schmuggelten unsere Omas, die dazu ihre Rentnerreisefreiheit in die BRD nutzten, Fachmaterial mit großem Herzklopfen durch den ostdeutschen Zoll. Trotz dieser Schwierigkeiten entwickelten sich viele DDR-Indianisten zu hobbyethnologischen Experten, die ihr Wissen und ihre Fertigkeiten innerhalb der Gruppen, bei fachbezogenen Ausstellungen und Vorträgen weiter gaben. Das Hobby verlangte große Leidenschaft, denn es forderte viel Zeit und einen hohen Einsatz.

Johannes Hüttner „Powder Face“ 1968, Gründer des ersten Indianisten-Clubs der DDR in Radebeul und Mitbegründer der Indianistik-Bewegung in der DDR (Foto Uhlig)

Die Behörden wiesen den meisten Clubs ein eigenes naturbelassenes Gelände zu. Es wurde von den Mitgliedern in vielen Aufbaustunden urbar gemacht und mit einem als Vereinsgebäude dienenden Blockhaus in Form eines Westernsaloons oder Ranchgebäudes bebaut. Auf den Höhepunkt des Jahres, das Treffen der ostdeutschen Indianisten zum mehrtägigen gemeinsamen Indianerlager, dem Great Indian Council, später der Indian Week und den Pow Wow‘s wurde das ganze Jahr hingearbeitet. Im Wechsel richtete jeweils ein Club auf seinem Gelände die Großveranstaltung mit Publikumsverkehr aus, eine Aufgabe mit anspruchsvollem Eventmanagement. Die Treffen dienten dem Leistungsvergleich und Wissenstransfer unter den Clubs. Als Aushängeschild der Bewegung lockten sie viele Besucher an. Wissenschaftler, Presse und Fernsehen, Kultur- und Filmschaffende wie die führenden DDR-Ethnologen und eine Reihe bekannter Filmstars aus den DEFA-Indianerfilmen waren häufige Gäste. Die meisten Gruppen der frühen Indianistik-Szene absolvierten das Jahr über ein reichhaltiges Auftrittsprogramm bei städtischen Veranstaltungen und bei den Uraufführungen der DDR-Indianerfilme. Im aufgebauten Indianerlager erwartete das Publikum professionell gestaltete Indianer- u. Westernfolklore. Jeder Hobbyfreund hatte hier je nach Fertigkeit seine Aufgaben. Im bunten Geschehen indianischen Brauchtums bewegten sich hobbyindianische Tänzer in ihrer mit großem Aufwand gefertigten indianischen Kleidung zum Tam-tam der Trommeln. Die Messer- u. Tomahawkwerfer zielten auf ihre Partner an der Holzwand. Und während die nächste Nummer vorbereitet wurde, erklärte der Chief in indianischer Festkleidung mit Federhaube den Zuschauern Wissenswertes über die nordamerikanischen Ureinwohner. Im zweiten Teil kamen u.a. die Cowboys mit zwei Meter langen, scharf knallenden und nicht ungefährlichen Bullenpeitschen zum Einsatz. Bis zum letzten Schnipsel schlugen sie ihren Partnern eine Zeitung aus den Händen und zum Höhepunkt die Zigarette aus dem Mund. Die Auftritte waren bei der Bevölkerung sehr beliebt. Die Hobbyindianer vermittelten einen Hauch Amerika und entführten die Ostdeutschen in eine für die Meisten unerreichbare Welt hinter der unpassierbaren Landesgrenze. Daß die Indianistik-Bewegung speziell in der DDR so erfolgreich wurde, ist sicher nicht zuletzt der fehlenden Reisefreiheit geschuldet. Nach der Wende gab es eine Neuorientierung. Es lösten sich viele Hobbygemeinschaften auf, einige blieben und sind bereits in dritter Familiengeneration dabei. Es entstand eine andere gesamtdeutsche Indianistik- und Westernszene, die sich in unterschiedlichen Dachverbänden und an unterschiedlichen Ausrichtungen orientiert und europaweit tätig ist. Trotz Nachwuchsproblemen gehören heute in ganz Deutschland 45 Interessengemeinschaften zum „Indianistikbund“.

Foto Kunsthalle Rostock 2021 – Ausstellungsvitrine mit der handgearbeiteten Indianisten- und Westernausstattung S.Uhligs aus den 1960/70er Jahren
Innenraum des Blockhauses der Magdeburger Indianistik-Gruppe auf ihremVereinsgelände 1968 (Foto: Pospischil)
Westerntime am Saloon des Tauchaer Indianistik-Clubs (Foto unbekannt)

Sabine Uhlig – Dezember 2021

Sämtliche Fotos wurden von Sabine Uhlig zur Verfügung gestellt. Urheber konnten nicht in jedem Fall festgestellt werden.

Vielen herzlichen Dank an Sabine Uhlig für diesen inhaltreichen Beitrag anlässlich des 120en Geburtstag von Liselotte Welskopf-Henrich. So wie der Begriff „Indianer“ derzeit und gelegentlich kontrovers diskutiert wird, der korrekte Begriff wäre „Native Americans“ oder „Indigene Völker“, werden auch die Indianistik-Gruppen kritisch betrachtet. Dies zeigt auch die MDR-Media-Reportage „Hobby-Indianer – Indianistik im Wandel der Zeiten“ In dieser kommen Indianisten, Amerikanisten und Native zu Wort. https://reportage.mdr.de/hobbyindianer#2465

Die Romane von Liselotte Welskopf-Henrich hatten großen Einfluss auf ein erneuertes Bild auf vor allem nordamerikanische indigene Völker, abgesetzt vom vielleicht vorherrschenden deutschen Karl-May-Bild. Dies gilt insbesondere für die DDR, wurde aber auch in der Bundesrepublik durchaus bemerkt. Schon mit den „Bärensöhnen“ wurde dieses Bild entwickelt. mit der Pentalogie „Das Blut des Adlers“ wurde das Bild verstärkt und der Fokus auch auf das Leben und die Kultur der Völker in den 60iger Jahren und damit auch auf immer noch anhaltende soziale Probleme des 20. Jahrhunderts gelegt. Darin besteht Liselotte Welskopf-Henrichs Verdienst. Die Indianistik-Gruppen beriefen sich nicht nur auf Liselotte Welskopf-Henrich (Die Tauchaer Gruppe befasste sich mit Mandan-Völkern), jedoch waren die hohen Auflagen natürlich bekannt und beliebt. Gleichermaßen dürften die Gruppen zur Verbreitung der Bücher beigetragen haben.

Uwe Rennicke (29.12.2021)

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