Otto, Uli (2): Kulturhistorische Einordnung – Deutsche und Native Americans

Wie bereits erwähnt wurde dem Verfasser, als er die „Söhne der Großen Bärin“ als Erwachsener erneut rezipierte, bewusst, dass zu den für einen de facto-Genozid an der nordamerikanischen Naive Americans verantwortlichen Mittätern immer wieder auch deutsche Einwanderer zählten, deren Geschichte und Biographie auf das Engste mit derjenigen der nordamerikanischen Ureinwohner verknüpft ist, wodurch die Beschäftigung mit der Historie der Letzteren notwendigerweise zum Teil auch zu eine Beschäftigung gerade auch mit bis heute zumeist völlig vernachlässigten und verdrängten Teilaspekten der deutschen Geschichte werden muss. Schon von Anfang der Inbesitznahme des amerikanischen Kontinents an haben nämlich gerade auch die deutschen Länder immer wieder zahllose Auswanderer in die neue Welt exportiert, die dabei zumeist wohl keinerlei Gedanken an das Schicksal der dortigen Urbevölkerung verschwendeten. Bereits seit Anfang des 18. Jahrhundert begann eine breitere Auswanderung, die in wechselnder Stärke im Lauf von rund zwei Jahrhunderten so viele Deutsche nach Nordamerika brachte, dass ein nicht geringer Teil der heute dort lebenden Bevölkerung deutscher Abstammung ist. So wanderten allein um die Mitte des 19. Jahrhunderts, nach der Niederschlagung der Volksaufstände im deutschen Südwesten, aus dem Großherzogtum Baden mindestens 80.000 Menschen nach den Vereinigten Staaten von Amerika, dem „Hort der ersehnten Freiheit“ aus. Und die Auswandererzahlen blieben auch in den folgenden Jahren und Jahrzehnten unverändert hoch. 

Neben politischen Flüchtlingen, die, obwohl zahlreich, insgesamt aber wohl nur die Minderheit der Übersiedler ausmachten, waren es dabei immer wieder gerade auch zahllose „Wirtschaftsflüchtlinge“, wie man diese Menschen heute wohl oftmals bezeichnen würde, die der sozialen Not und dem wirtschaftlichen Elend in ihrer Heimat zu entgehen trachteten und für ihre Kinder und Enkel eine bessere Zukunft ersehnten, wobei die meisten dieser Zuwanderer dabei wohl kaum einen Gedanken an das Schicksal der Ureinwohner ihres Ziellandes und deren Lebens- und Wohnrecht verschwendeten, die ihnen, vor allem anfänglich, oftmals durchaus hilfrerich und gastfreundlich entgegengetreten waren. Die verstreut lebenden „Horden von Wilden“, als welche die Indianer zumeist angesehen und gnadenlos verfolgt wurden, besaßen ihn ihren Augen keinerlei Recht, das Land den weißen Siedlern und damit dem „gottgewollten menschlichen ‚Fortschritt‘“ vorzuenthalten. Ohne die geringsten Bedenken und Gewissensbisse und dabei zumeist noch zutiefst von ihrer kulturellen, moralischen und sittlichen Überlegenheit überzeugt, nahmen Siedler von überall aus Europa die Jagdgründe der Prärieindianer in Besitz, um das Land unter die Pflugschar zu nehmen, „urbar zu machen“, ihr Vieh auf ihm weiden zu lassen und ihre Familien darauf anzusiedeln. Dabei zeitigte gerade auch das europäisch-christliche Ethos des „sich-die-Erde-untertan-Machens fatale Folgen und war ursächlich mitverantwortlich für den Genozid der indigenen Nationen in den USA – aber auch anderorts, etwa um 1900 in den deutschen Schutzgebieten und Kolonien – wie das folgende völlig ignorante, dabei zynische und demaskierende Zitat belegt, welches eine Geisteshaltung verdeutlicht, die, und dies wohl durchaus nicht nur in Teilen der US-amerikanischen Gesellschaft, bis in unsere aktuelle Gegenwart verbreitet zu sein scheint: 

„Ich bin weit davon entfernt, dass sie (die Indianer) einen Anspruch aufs Land zu haben. Im Gegenteil, sie haben jeden vorstellbaren Anspruch auf Land verwirklicht, weil sie außerstande sind, Land zu 

kultivieren. Sie müssen deshalb – und das ist Gottes Wille (sic!) – von diesem Land vertrieben werden. Gottes Wort, dass der Mensch sich die Erde untertan mache, ist eine heilige Verpflichtung. Der Mensch unterscheidet sich als Krone göttlicher Schöpfung vom Tier in seiner Kultur und Zivilisation. Indianer haben das Aussehen von Menschen und sie mögen auch einer menschlichen Rasse angehören, aber wie sie uns im Augenblick entgegentreten, erscheinen sie ihrem ganzen Habitus nach eher als Tiere, teuflische Tiere. Die Torturen, denen sie Gefangene unterwerfen – (und die sie nur zu oft erst von den weißen Eroberern gelernt und übernommen hatten!) – rechtfertigen allein schon ihre Ausrottung. Und was die Frage nach Friedensverträgen und garantiertem Landbesitz betrifft, so ist dem mit folgender Feststellung zu begegnen: Wer käme schon auf den Gedanken, mit Wölfen und Klapperschlangen, Jaguaren und Coyoten über Garantien für Eigentum und Land zu verhandeln? Wenn allerdings in einer Zwischenphase der Besiedlung das bestialische Verhalten der indianischen Tiere nur dadurch zu mindern ist, dass man sie in Verhandlungen wie Menschen unter ihresgleichen behandelt, so ist dies eine verzeihliche List zum Wohle der christlichen Menschheit. Man lockt ja auch gefährliche Raubtiere durch Köder in Fallen und tötet sie. Ich sehe deshalb keinen Unterschied darin. Vielleicht mag es eines Tages möglich sein, einer Minderzahl von ihnen menschlich-christliche Verhaltensweisen beizubringen, sodass sie nützliche Mitglieder unserer Gesellschaft werden könnten; – aber ich denke, dass im Augenblick solche Spekulationen müßig sind. Es gilt, sie zu dezimieren und ausschließlich darauf zu achten, dass dies unter größtmöglicher Vermeidung eigener Verluste geschieht“. 

Hugh Henry Brackenridge 2

Als dann noch verschiedentlich in Indianerterritorien Gold oder andere Bodenschätze gefunden wurden, fielen (und fallen bisweilen bis heute!) die letzten Hemmungen und moralischen Schranken, die Urbevölkerung wurde vollends zu einem „rechtlosen Wild“. Was ihre Verfolger und Unterdrücker bzw. deren Helfershelfer anbelangt, waren aus Menschen, die in ihrer alte Heimat nur zu oft ebenfalls zu den Unterprivilegierten, Rechtlosen. Verfolgten und Unterdrückten, mithin zu den Opfern gehört hatten, unversehens Täter geworden. Und zu diesen gehörten eben auch zahllose Menschen deutscher Herkunft. 

Der Santee – Aufstand des Jahres 1882 in Minnesota

Nicht zuletzt auch im Gebiet der Santee-Sioux, mit denen sich die Bücher Liselotte Welskopf-Henrichs, wenn auch nur am Rande, beschäftigen, siedelten viele deutsche Einwanderer. So verweist schon allein der Name der Stadt New Ulm in Minnesota, die im Jahr 1862 den bei Liselotte Welskopf-Henrich erwähnten verzweifelten Hungeraufstand der Santee-Sioux erleben musste, auf einen großen deutschen Bevölkerungsanteil, dies vorwiegend Menschen, die nach 1848 in die USA gekommen waren und deren Kinder. Während ein Großteil der männlichen Einwohner der fast ausschließlich von deutschen Einwanderern bewohnten Stadt während des Sezessionskrieges (1861-1865) für die Sache der Nordstaaten kämpfte, sahen sich deren Angehörige 1862 dem ersten großen allgemeinen Sioux-Aufstand ausgesetzt. Die ansässigen Santee hatten die vage Hoffnung, dass sich die Weißen im Bürgerkrieg gegenseitig ausrotten würden oder gegenwärtig doch zumindest keine Möglichkeit sähen, mit größeren Machtmitteln gegen sie vorzugehen. Der Aufstand war dabei fast ausschließlich von einer unfähigen und arroganten amerikanischen Bürokratie und korrupten Indianeragenten verursacht worden, welche die in einer Reservation des südwestlichen Minnesota lebenden Santee-Sioux, die friedlichsten Sioux überhaupt, die sich bereitwillig zu Christen und Maisbauern hatten umerziehen lassen, vorher regelmäßig mit verdorbenen und zudem überteuerten Waren beliefert hatten. Als 1862 zudem eine Raupenplage die gesamte Maisernte der Santee vernichtete, wurden diese von den meisten weißen Nachbarn sowie von den Behörden schmählich im Stich gelassen, man ließ sie ganz einfach verhungern. Konkreter Anlass des daraus folgenden Aufstandes war die herzlose Antwort des verantwortlichen Indianeragenten Andrew Myrick auf die Bitte des Santee-Häuptlings Little Crow, man möge doch endlich die Lagerhäuser öffnen und Lebensmittel verteilen, da sein Volk sonst verhungern müsse: „Wenn sie hungrig sind, sollen sie doch Gras fressen“! (Ebendiesen Satz hatten pikanterweise bereits die schlesischen Weber in ihrem Hungerjahr 1844 im alten Europa hören müssen, und auch dort war es dann anschließend zu einer Hungerrevolte gekommen, die damals vom preußischen Militär blutig niedergeschlagen werden musste, was damals ebenfalls Auswanderungen zur Folge hatte.) Dieser Satz verbreitete sich durch den beim Gespräch anwesenden deutschen Farmer Sebastian Müller unter den ausgehungerten und verbitterten Santee und versetzte diese in Raserei. 

Am frühen Morgen des 18. August 1862 gingen diese daraufhin zunächst gegen die Regierungsagentur bei Redwood Falls vor, wo sie zunächst auf nur wenig Widerstand stießen. Obgleich sie zunächst noch einige Gefangene machten und sogar viele Siedler verschonten, die sie menschlich behandelt hatten und von ihnen daher als Freunde angesehen wurden, wurden in der Folge fast alle Weißen auf der Stelle getötet, die sich nicht in das sichere Fort Ridgely hatten zurückziehen können. Insgesamt fanden bei diesem Aufstand über 1000 Weiße den Tod: es war mithin das größte Massaker der Indianerkriege. In der Folge wurden die aufständischen Santee am 18.09.1882 von 1600 Soldaten unter dem Kommando von General Henry Sibley eingekreist und vernichtend geschlagen. 

vgl. auch Wikipedia4

Alle männlichen Sioux, deren man in der Folge nur habhaft werden konnte, wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und 307 von ihnen zum Tod verurteilt. 38 Verurteilte wurden schließlich – nach der Bestätigung ihres Urteils durch Präsident Lincoln – am 25.12.1863 in einer als Abschreckung gedachten Massenhinrichtung an einem viereckigen Galgen, alle auf einmal, öffentlich gehenkt. Ihr Häuptling Little Crow fand auf der Flucht den Tod, einige wenige Überlebende, die in „Die Söhne der Großen Bärin“ Erwähnung finden, konnten nach Kanada entkommen und sich in der Folge dort niederlassen. Eine unmittelbare Folge davon aber war, dass der Hunkpapa-Sioux-Häuptling und Medizinmann Tatanka-yotanka, besser bekannt unter seinem englischen Namen Sitting Bull, der 1863 seine Verwandten in der Santee-Reservation am Missouri besuchte, sich hier von der Politik und brutalen Vorgehensweise der Watschitschun, der Weißen überzeugen und daraus für sich die Erkenntnis gewinnen konnte, dass „die weißen Landräuber“ längerfristig auch vor dem Stammesgebiet seines Volkes in den Plains nicht Halt machen würden. Daher fasste er den festen Engschluss, mit den Weißen keinerlei Kompromisse einzugehen und das Land der Sioux-Nation so lange wie möglich mit allen Kräften zu verteidigen. 

Die Indianerpolitik von Karl Schurz5

Auch Carl Schurz, der US-amerikanische Innenminister in der Zeit unmittelbar nach dem entscheidenden Endkampf gegen die Dakota und die mit diesen verbündeten Cheyenne, war übrigens ein ehemaliger ‘48er, der 1849 den siegreichen preußischen Truppen aus der Festung im badischen Rastatt hatte entkommen und sich seiner drohenden Verhaftung und eventuellen Hinrichtung in der alten Heimat entziehen können. Von 1869 bis 1875 hatte er den Staat Missouri als Senator vertreten, bevor er in den Jahren von 1877 bis 1881 unter Präsident Grant zeitweise als Innenminister Verantwortung für die Innenpolitik der USA trug. Immerhin reformierte er das sogenannte Indianeramt, das angeblich dem Schutz der nordamerikanischen Indianer dienen sollte, de facto aber durch die Umleitung der für die Reservationsbewohner bestimmten Vorräte und Geldmittel in die Taschen der weißen Agenten und der mit diesen verbündeten Indianerpolizisten erheblich zur Ausbeutung und Verelendung der internierten Ureinwohner beigetragen hatte. Schurz hielt dabei selbst dann noch an seiner unpopulären Politik der humanitären Hilfe fest, als die anti-indianischen Ressentiments nach der verlorenen Schlacht gegen die Sioux unter Sitting Bull und Crazy Horse enorm anwuchsen. In der Folge versuchte er immer wieder, weiße Siedler und Bodenspekulanten daran zu hindern, in die Reservationen der Indianer vorzudringen und sich deren Land anzueignen. Auch setzte er nach der Niederlage der Indianer durch, dass die Flucht der vormaligen Bündnispartner der aufständischen Sioux, der Cheyenne aus dem Indianerterritorium unter Little Wolf und Dull Knife sowie ihre Rückkehr in ihr angestammtes Territorium seitens der US-Regierung akzeptiert wurde. 

Das beruhigende Zitat unterhalb der rechten Karikatur legte der ebenfalls deutschstämmige Zeichner Thomas Nast dem Innenministr in den Mund, der zu einem frisch skalpierten Siedler spricht, dessen Angehörige, von Indianerpfeilen dahingestreckt, tot auf dem Boden liegen, während seine Heimstätte niederbrennt. Mit dieser Zeichnung stellt sich Nast gegen die von Präsident Grant eingeleitete und von seinem Innenminister Schurz fortgeführte Friedens- und Reformpolitik gegenüber den Indianern und befürwortet wie nur zu viele – wohl auch deutschstämmige – Zeitgenossen eine auf die Armee gestützte Politik der unnachgiebigen Stärke. 

Carl Schurz befürwortete seinerzeit vehement den Friedensschluss mit den Indianern sowie Reformen und bemühte sich während seiner Amtszeit immer wieder um eine moderate und wohlwollend-freundliche Politik gegenüber der indianischen Urbevölkerung, wobei dies allerdings am elenden Schicksal der Prärieindianer letztendlich aber kaum etwas zu ändern und ihren totalen und endgültigen Untergang nicht aufzuhalten vermochte. 

  1. Karte Einwanderung: Gemeinfrei / Datei:German population 1872.jpg / Hochgeladen: 13. Juli 2006:https://de.wikipedia.org/wiki/Deutschamerikaner , 05.08.2026, 11.36 Uhr ↩︎
  2. So Hugh Henry Brackenridge, ein nobler Vertreter zeitgenössischer christlicher und „unkriegerischer Geisteswissenschaftler“ bereits im Jahr 1782 an den Verleger von „Freeman’s Journal of North American Intelligence“, hier zit. nach H.J. Stammel: Indianer. Legende und Wirklichkeit von A-Z. Leben – Kampf – Untergang, Gütersloh u. Berlin 1992, S. 74f  ↩︎
  3. Vergleiche auch Brand, Armin M: Die Sioux und der Kampf um Neu-Ulm, Traumfängerverlag, ISBN 9783941485-761,
    „Die Geschichte des Aufstandes der mächtigen Nation der Sioux oder Dakota begann am 17. August 1862 bei Acton in Minnesota und endete am  26. Dezember 1862 mit der Massenexekution von 38 Häuptlingen und Kriegern in Mankato. Der Minnesota Aufstand der Sioux ist eins der traurigsten Kapitel in der Geschichte der USA: Die Dakota wehrten sich gegen Vertragsbrüche und die Willkür der Regierung. Dem Hungertod nahe forderten sie endlich die Herausgabe der versprochenen Lebensmittel. Als der Agent ihnen mitteilte, dass sie doch „Gras essen sollen“, kam es zur Katastrophe. In diesem Buch wird mit viel Details der Hergang des Aufstands aufgezeigt. Dem Leser wird deutlich vor Augen geführt, wie es zwangsläufig auf beiden Seiten zu Missverständnissen kommen musste. Opfer und Leidtragende waren unschuldige Siedler und betrogene Indianer. Gnadenlos gehen die aufständischen Sioux gegen unbeteiligte und ahnungslose Siedler vor. Die Ereignisse und die anschließende Strafexpedition werden detailliert aufgezeigt und durch Zeugenaussagen ergänzt.Leider waren von dem Aufstand besonders viele deutsche Siedler betroffen, deren Schicksal hier beleuchtet wird.“ ↩︎
  4. Sioux-Aufstand: https://de.wikipedia.org/wiki/Sioux-Aufstand, 05.08.26, 11:30 Uhr ↩︎
  5. Wikipedia: Karl Schurz: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Schurz, 05.08.2026, 11:30 ↩︎

UR, NZ – 05.08.2026

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