Mag die hohe Zeit der deutschen Indianerliteratur für junge Leute im Augenblick auch vorbei sein, so lässt sich abschließend insgesamt feststellen, dass Liselotte Welskopf-Henrichs Indianer-Epen1, gut und spannend geschrieben, hier eine Sonderstellung einnehmen, zumal sie gerade auch unter ethnologischen, anthropologischen und historischen Gesichtspunkten auch heute noch durchaus lesenswert sind. Die Bücher weisen eine hohe „historische Authentizität“ auf und vermögen Teilaspekte der Geschichte und Kulturhistorie der nordamerikanischen Sioux in den Jahren zwischen 1860 und 1880 sowie ihren tragischen Untergang zutreffend und packend zu schildern und zu illustrieren. Dabei finden immer wieder aber auch andere indianische Nationen bzw, deren Angehörige Erwähnung, die dieses Schicksal teilten: Pawnee/Pani, Blackfoot/Blackfeet, Absaroka/Crow, Cheyenne, Delaware/Lenni-Lenape. Welskopf-Henrichs Native Americans sind dabei aber keine „blutrünstigen Ungeheuer“, als die sie ansonsten in der Vergangenheit nur zu oft dargestellt wurden, aber eben auch nicht die idealisierten „edlen Wilden“, denen Karl May in Person seines Winnetou ein Denkmal zu setzen versucht hat.

Nach Gerlinde Rabenstein Urteil, dass wir durchaus uneingeschränkt teilen, stellt Welskopf-Henrich Menschen vor, die „unter schwersten Bedingungen, die ihnen der geschichtliche Rahmen setzt (…) das Ziel verfolgen, humane Existenz zu verwirklichen“, wobei „am Ende ihrer Bücher (…) immer die Hoffnung auf einen Neuanfang, auf Durchsetzung humaner Ziele“ steht.2 Liselotte Welskopf-Henrich, die den historischen Hintergrund der Auseinandersetzungen zwischen der US-Armee und den Lakota während der 1860er Jahre akribisch ermittelt hat und darstellt, bezieht in ihren Büchern eindeutig Stellung zugunsten der betrogenen und unterdrückten nordamerikanischen Prärieindianer, die einer räuberischen Landnahme zu weichen hatten und gewaltsam in die ihnen zugewiesenen Reservationen zurückgedrängt wurden, wo sie de facto zu rechtlosen Kostgängern der US-Regierung gemacht wurden, dies ein Zustand, der sich weitgehend bis in unsere Gegenwart erhalten hat. Dabei schildert sie aber auch – etwa in der Darstellung des Raureiters Adam Adamson, der Cowboys Thomas und Theodor, aber auch des indianischen Scouts Tobias und anderer Protagonisten – dass aus Menschen, die zunächst ebenfalls tatsächlich Opfer waren, zeitweise unversehens Mittäter und Mitschuldige werden konnten, wobei sie sich aber auch hier davor hütete, bloße Schwarzweiß-Malerei zu betreiben.3
- Hier Die Söhne der großen Bärin ↩︎
- (Gerlinde Rabenstein: Welskopf-Henrich, Liselotte.- In: Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur, Bd. 3, Weinheim 1984, S. 787). ↩︎
- Dieser Teil wurde redaktionell von Uwe Rennicke als Teil 6 an das Ende der ausführungen von Dr. Uli Otto gestellt ↩︎
UR – 11.08.26 (2021)
