Fünfundzwanzig Jahre bevor Elisabeth Charlotte Henrich geboren wurde, fand im fernen Nordamerika an einem schmalen Fluss namens Little Bighorn, benannt nach den im Yellowstonegebiet lebenden Dickhornschafen, ein Ereignis statt, für welches wir nun den 150. Jahrestag schreiben: Die Schlacht am Little Bighorn.
Ein Zusammenhang besteht da im ersten Moment nicht, denn Liselotte Welskopf-Henrich ließ ihren Helden Tokei-ihto 1 nicht mitkämpfen in der letzten siegreichen Schlacht der Lakota und Cheyenne gegen die 7. Kavallerie des George Armstrong Custer. Tokei-ihto wurde in Gefangenschaft gehalten, seit er die vorgelegten Verträge anderer Häuptlinge bei einer Besprechung mit Offizieren der US-Armee im Fort Niobrara zerriss.2 Die Gefährten des Kriegshäuptlings der Bärenbande wollten ihn nicht nur wegen des bevorstehenden Kampfes aus dem Keller des alten Blockhauses im Fort befreien, es gelang ihnen aber nicht. Als der Häuptling endlich freikam3, war die Schlacht beendet, Tatanka-Yotanka4 auf dem Weg nach Kanada und seine eigene Gruppe in der Reservation.

Tokei-ihto führt die Gruppe aus der Reservation in den Badlands über den Missouri in die Woodmountains in Kanada, von dort wird er viele Jahrzehnte später in die Badlands und die schwarzen Berge zurückkehren. Sein Name ist dann wieder Stein mit Hörnern oder Inya-he-yukan, auf Englisch nennt er sich Harry Okute.5
Im Jahre 1963 bekam die Professorin für alte Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin Elisabeth Charlotte Welskopf endlich die Gelegenheit, Nordamerika zu besuchen uns so reiste Liselotte Welskopf-Henrich auch in die Woodmountains nach Kanada. In den Waldbergen lernte sie einen alten Lakota mit dem Namen John Okute Sica kennen, „den seine Stammesgenossen Woonka-pi-sni (Wurde nicht nieder geschossen) nannten.“ 6 Der Alte war im Jahr 1890, dem Jahr des Massakers am Wounded Knee, geboren worden, er besuchte die Regina Industrial School, lernte Englisch und das Handwerk eines Zimmermanns. Er schrieb die Erzählungen der alten Oglala auf, wurde 1954 Häuptling und übernahm das Amt von Čanté Ohítika, Brave Heart, der 1876 am Little Bighorn mitkämpfte.

Eine Erzählung in dem Manuskript hieß „Das Wunder vom Little Bighorn“. Liselotte Welskopf-Henrich hörte dem Alten zu, sie hörte die Geschichten, die sie bereits in einem großen Romanzyklus verarbeitet hatte und sie erhielt nach dessen Ableben von der Witwe Okute Sicas das Manuskript.
Welskopf-Henrich fand leider keinen Verlag für diese Erzählungen. Sie setzte Woonka-pi-sni ein Denkmal, indem sie den Namen Harry Okute in den ersten beiden Bänden des neuen Romanzyklus „Das Blut des Adlers“ für den uralten Besucher aus dem Norden verwendete. Im letzten Band, „Das helle Gesicht“, gab sie der weiblichen Hauptfigur den Namen Ite-ská-wí nach einer Erzählung John Okute Sicas.7

Liselotte Welskopf-Henrich erzählte davon bereits in einem Aufsatz 1965. Es ist Herrn Dr. Frank Elstner vom Palisander-Verlag Chemnitz zu verdanken, dass er das Typoskript, welches Dr. Rudolf Welskopf, der Sohn der Autorin, aufbewahrte, übersetzte und im Jahr 2009 veröffentlichte. Der Bericht von Welskopf-Henrich wurde dem Buch „Das Wunder vom Little Bighorn“ vorangestellt.
Wir wissen nicht, ob die Autorin jemals im Karl-May-Museum in Radebeul war, wo ein großes bekanntes Schlachtengemälde hängt. Dieses hat Emil „Elk“ Eber gemalt. Doch dieser war ein bekennender Nationalsozialist und Liselotte Welskopf-Henrich hat ihre Geschichte von den Söhnen der großen Bärin während deren Herrschaft keinem Verlag anbieten wollen. Ihre menschliche Sicht auf die indigenen Völker der Prärie lies dies nicht zu und wie sie die Menschen beschreibt zeigt, wo im Herzen sie ihre Geschichten verankert hatte. Die Deutschen und ihre Indianer: Liselotte Welskopf-Henrich hat einen besonderen Beitrag geleistet, deren Vorstellungen ein anderes Bild, ein menschlichers und sozialeres hinzuzufügen. Vielleicht hätte sie mit Patty Frank (Ernst Tobis), der in Radebeul das Erbe von Karl May pflegte, über die Schlacht sprechen können, denn der hatte 1957 ein Buch darüber geschrieben.

So schließt sich ein Kreis im Jahre 2026, im Jahr des 125. Geburtstages von Liselotte Welskopf-Henrich und dem 150. Jahrestag des letzten Sieges der Völker der Prärie in den Erzählungen aus der Welt der alten Lakota, die soviel bestätigten, was die beliebte Autorin sich für ihren berühmten Roman recherchiert hatte, einer wahrhaftigen Geschichte über eine kleine Gruppe von Prärieindianern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
- [1] Hauptfigur der sechsbändigen Romanreihe „Die Söhne der großen Bärin“
- [2] Welskopf-Henrich: Der junge Häuptling, Chemnitz, 2017
- [3] Welskopf-Henrich: Über den Missouri, Chemnitz, 2017
- [4] Tatanka-Yotanka, richtig Tȟatȟáŋka Íyotake = „Sich setzender Bisonbulle“ – englisch: Sitting Bull
- [5] Welskopf-Henrich: Das Blut des Adlers Pentalogie; Nacht über der Prärie und Licht über weißen Felsen, Chemnitz, 2015
- [6] Okute Sika: Das Wunder vom Little Big Horn, Chemnitz, 2024 –
- [7] Okute Sica, John / Elstner, Frank: Das Wunder vom Little Bighorn, Chemnitz, 2009, 2017 [1] Rezension / Essay: https://litterae-artesque.blogspot.com/2014/07/sica-john-okute-das-wunder-vom-little.html
©️ UR (NZ, 07.07.2026)
Guter Artikel! Man sollte wohl noch erwähnen, das LWH auf ihren Reisen nach Nordamerika auch mehrmals die Pine-Ridge-Reservation besucht hat. Dort leben die Nachkommen der Lakota, die einst in den Prärien und den Black Hills zu Hause waren. Sie unterstützte die native Americans nach ihren Möglichkeiten und schloss Freundschaften, die bis zu ihrem Tod hielten, wie Briefwechsel bezeugen. Noch heute erinnern sich einige älter Lakota an sie.