Liselotte Welskopf-Henrich, die Indianer & Rudolf Welskopf

Liselotte Welskopf-Henrich – eine erfolgreiche Schriftstellerin und geliebte Mutter

Liselotte Welskopf-Henrich und Rudolf Welskopf

Diese Geschichte beginnt, als ich noch Teenager war. Meine Mutter, Liselotte Welskopf-Henrich, war schon mit den Buch „Die Söhne der großen Bärin“ erfolgreich. Das war aber „nur“ ihr leidenschaftliches Hobby – oder ihr Nebenberuf. Hauptberuflich war sie Altertums­wissenschaftlerin, Dozentin und später Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihr Spezialgebiet waren die altgriechischen Stadtstaaten, die Poleis. Sklavenhaltergesellschaften, aber zugleich demokratisch – „natürlich“ nur für die Freien und die Sklavenhalter.

Ich aber war in diesem Alter mehr interessiert an den Abenteuern im wilden Westen. „Die Söhne der großen Bärin“ reichten mir bald nicht mehr als Lektüre, ich griff nach allem, was sich bot. Die „Lederstrumpf“-Romane von Cooper waren selbstverständlich erste Wahl, und dann kam ich auch an die Geschichten von Karl May. Meine Mutter hatte nichts dagegen, besorgte auch den einen oder anderen Band. Sie vertraute darauf, dass ich diese Geschichten schon irgendwie richtig einordnen würde. Der große weiße Held, Old Shatterhand, dem immer alles gelingt, der war für mich nach anfänglicher Faszination denn doch ein paar Nummern zu übertrieben – Beispiel: „Ich packte ihn beim Gürtel und schwang ihn mir einige Male um den Kopf“. Trotzdem las ich weiter, ein Abenteuer reihte sich an das andere, man konnte süchtig werden. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass darin eben auch das Manko von Karl Mays Werken liegt – eine Aufreihung gekonnt beschriebener Abenteuer, aber keine Entwicklung der Hauptpersonen. Sie kommen so gut oder schlecht heraus, wie sie hineingegangen sind.

Wichtig ist mir gerade heute aber dazu auch die Feststellung, dass Karl May Rassismus fern lag. Kein Volk ist bei ihm besser oder schlechter als andere dargestellt – überall gibt es gute und schlechte Menschen, und – abgesehen von den Superkräften des Old Shatterhand oder Kara ben nemsi – begegnet man sich auf Augenhöhe. An dieser Stelle ist vielleicht ein Anmerkung zum Begriff „Indianer“ angebracht. Völlig klar, dass diese Bezeichnung ein Irrtum der Europäer ist. Allerdings haben sich bis in die 90er Jahre die native americans selbst so bezeichnet. Und in der Zeit, um die es hier in meinen Erinnerungen geht, war die Bezeichnung „Indianer“ absolut gebräuchlich; auch ihre Emanzipationsbewegung nannte und nennt sich „American Indian Movement“.

Für mich war Karl May allerdings der Anlass, meine Mutter überreden zu wollen, noch mehr „Indianerbücher“ zu schreiben. „Da könnte es doch noch viel mehr Abenteuer geben…??“ Im Grunde bedurfte jedoch es gar nicht meiner Überredung. Sie hatte die Rohfassung der ganzen Vorgeschichte der „Söhne“ schon längst in der Schublade! Dabei hatte sie große Mühe gehabt, die „Die Söhne der großen Bärin“ überhaupt erst einmal Anfang der 50er Jahre in der DDR veröffentlichen zu lassen (das klingt heute unglaublich…). Die Nachfrage war immens gewachsen und überstieg das Papierkontingent des kleinen privaten Altberliner Verlages von Lucie Groszer um das Mehrfache. Aber Frau Groszer war mit ihr ins Risiko gegangen, und sie blieben sich treu, solange sie lebten.

Meine Mutter hatte sich mittlerweile habilitiert, und Beruf und Berufung unter einen Hut zu bringen, war immer wieder herausfordernd für Sie. Eine Haushaltshilfe und eine Sekretärin halfen ihr, eine besondere wissenschaftliche und parallel dazu die schriftstellerische Produk­tivi­tät zu erreichen. Und organisieren konnte sie (auch „organisieren“ im DDR-Sprach­gebrauch).

Nun holte sie das Manuskript dieser ersten Bände hervor, die Geschichte des Jungen Harka, der seinem Vater nach einer Intrige des Medizinmannes in die Verbannung folgt und nach vielen Abenteuern den Weg zurück zu seinem Stamm, zu den „Söhnen der großen Bärin“ findet. Ein klassischer Romanaufbau: „top – down – top“, wie man heute sagt. Absatz für Absatz, Seite für Seite arbeitete sie sich nach Jahrzehnten des Entwurfs wieder durch das Manuskript, alles per Hand. Kein Satz, kein Wort blieb ungeprüft. Und ich durfte ihr erster Leser, Zuhörer und Kritiker sein! Halt – ich glaube, den „Kritiker“ muss ich zurücknehmen. Ich war in diesem Alter doch eher der Fan, war fasziniert von ihren Einfällen, von den Wendungen der Geschichte. Tatsächlich passiert im Verlauf der Bände und der Entwicklung Harka-Tokei-ihtos der ganze „wilde Westen“ jener Zeit Revue; Goldsucher, Posträuber, Abenteurer, ehrenhafte und karrieresüchtige Offiziere, Farmer, arme entwurzelte Teufel auf der einen; Indianerstämme und -gruppen im Kampf um ihr Überleben, aber auch untereinander verfeindet, vorübergehend durch Sitting Bull geeint und durch Tashunka Witko „Crazy Horse“ in siegreiche Schlachten geführt, aber letztlich geschlagen und verfolgt, auf der anderen Seite.

© UR – Bärensöhne Stapel

Alle die Bände, die damals entstanden, haben einen stringenten „roten“ Handlungs­faden, alles ist logisch und folgerichtig. Die Schicksale der Akteure sind durch die historischen Ereignisse vorgezeichnet. Aber sie können entscheiden, auf welche Seite sie sich stellen. Sie kommen aus den Konflikten anders heraus, als sie hineingegangen sind. Und übrigens ist es auch historisch belegt, dass eine Gruppe der Lakota dem Gefängnis der Reservation entkam und in Kanada sich ein neues Leben als Rancher aufgebaut hat. Als meine Mutter Ende der 60er Jahre die Möglichkeit hatte, Nordamerika zu bereisen, konnte sie deren Nachfahren besuchen. Aus diesen Eindrücken dieser Reisen entstand die Roman-Pentalogie „Das Blut des Adlers“ mit den Bänden „Nacht über der Prärie“ usw. Aber das ist schon eine andere Geschichte.

Alle diese von ihr verfassten Bücher faszinieren auch heute viele junge und ältere LeserInnen, und das ist gut so – denn es ist wirklich gute Literatur, gut geschriebene Abenteuerliteratur im besten Sinne, historisch und geografisch genau, psychologisch stimmig und voller spannender Konflikte und Kämpfe. Die anschaulichen Landschafts- und Naturbeschreibungen – man denke nur an die ersten Seiten von „Harka“ – auf die sie als sehr naturverbundener Mensch besonderen Wert legte, wusste ich erst später zu würdigen.

Rudolf Welskopf (31.08.2021)

Interview mit Dr. Rudolf Welskopf

8 Gedanken zu „Liselotte Welskopf-Henrich, die Indianer & Rudolf Welskopf“

  1. Hallo,
    ich habe diese Bücher als Kind, im wahrsten Sinne gefressen. Und sie faszinieren mich noch heute. Das ist mit das tollste was ich gelesen habe.
    Mein tauchte in eine Welt und war mittendrin im Wilden Westen. Und bis heute haben die Geschichten Einfluss auf mich. Dafür vielen Dank

  2. Ich bin ein typisches DDR Kind…. Ich weiß nicht woher ich als Kind die Faszination über/für Indianer hatte. Als der Film „Die Söhne der großen Bärin“ herauskam, da war Kino angesagt. Karl May Bücher habe ich damals nicht gelesen, weil mir eigentlich nicht bekannt. Nach dem Film habe ich meine Mutter in den Ohren gelegen um mir das Buch zum Film kaufen. 6,40 Mark hat es gekostet. Für meine Mutter war das viel Geld. Noch besitze ich die Bände 3 und 4 der 1. Auflage. Ehrlich gesagt, ich habe das gelesen, aber als Kind doch nicht verstanden…. Später, viel später habe ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt. Als ich das erste mal in den USA war( 2016), im Pine Ridge Reservat und an den geschichtlichen Orten verweilt habe, da kam mir der Film in den Kopf und ich verstand. Zuhause angekommen, habe ich mir den Film „die Söhne der großen Bärin“ nochmal und nochmal angeschaut und habe verstanden, das der Film, obwohl auch nur Abrisse, (wie es eben im Film ist) auf Geschichte und Hintergrundwissen basiert. Und deswegen liebe ich diese Bücher von L. W. H. Danke!
    2018 war ich nochmal im Pine Ridge Reservat und in Hays /Montana….und ich bekomme immer Gänsehaut, wenn ich das heutige Leben der Indianer sehe. Übrigens unser Bekannter im Reservat, hat mit dem Wort „Indianer“ auch kein Problem…Sie wissen das einzuordnen

    1. Auch Ihnen vielen Dank für den Kommentar. Ich denke, dass der Film eine große Rolle spielte damals, der „Rest“ war ein Selbstläufer. Auch heute zieht Gojko Mitic mit und ist des Öfteren zu Buchvorstellungen eingeladen. Da weiß man manchmal gar nicht so richtig, weswegen die Leute kommen. Auf jeden Fall gehen aber immer welche mit den Büchern und in dem Wissen, jetzt ein paar Zusammenhänge zu kennen, heim.
      Viele Grüße
      UR

  3. Ich habe die Söhne-Bücher als Kind verschlungen und sogar – obwohl ich sonst ein sehr braves Mädchen war – sie heimlich vor meinem Geburtstag gelesen, das Versteck im Kleiderschrank war zu leicht. Ich konnte einfach nicht warten, viel zu spannend!! Meine Eltern haben nichts gemerkt, ich hab es ihnen erst viele Jahre später verraten. Die Pentalogie habe ich im jungen Erwachsenenalter kennengelernt und nun gemeinsam mit meinen Teenager-Söhnen alles wiederentdeckt. Nun sind wir alle drei große LWH-Fans und ich muss zusehen, wie ich alle anderen Bücher von ihr herbeiorganisieren kann, der nächste (Zwillings-)Geburtstag naht…

  4. Auch ich war als Kind und junger Erwachsener von den „Söhne der großen Bärin“ fasziniert, die Bände waren zum Glück auch in der BRD zu haben. Besonders war ich von der Authentizität fasziniert, die sie ausstrahlen … das war schon etwas ganz anderes als Karl May! In der Folge las ich natürlich auch die Bände, die in den 60er und 70er Jahren spielen, ich hatte auch mit den Aufständischen Lakota gefiebert, die im Aufstand Anfang der 70er? Für ihre Rechte kämpften!
    Aus heutiger (meiner) Sicht vermögen die Romane immer noch literarisch zu überzeugen, allerdings gibt es ein sehr starkes Element der Heldenverehrung, das mich heute doch etwas abstößt …
    Mich würde sehr interessieren, woher die Autorin ihr Wissen um die Lakota bezog, vielleicht könnte der Artkel hier noch informativer sein!
    Nun noch ein Gedanke zum Schluss: Aus meiner Sicht würden sich beide Romanzyklen als Vorlage für eine wirklich realistische Serie eignen, vielleicht beide Handlungsstränge ineinander verwoben.
    Die aktuelle Situation der Lakota und anderer indigenen Stämme braucht dringend internationale Aufmerksamkeit.
    Ausserdem würde das vielleicht vergessen lassen, was für eine erschreckend niveaulose Verfilmung in der DDR produziert wurde.

    1. Vielen Dank für diesen Kommentar. Vielleicht haben Sie mit der Helden-Verehrung etwas recht, wenn wir allerdings in neue Bücher und Filme schauen, gibt es auf ähnliche Art und Weise immer noch. Persönlich könnte ich mir den Stoff als Serie mit Teil 2 als 100 Jahre später schon vorstellen. Allerdings nicht als deutsche Produktion. Und die Messlatte hängt seit INTO THE WEST mit Steven Spielberg als Mitproduzent sehr hoch. Für mich gehört der Film DIE SÖHNE DER GROSSEN BÄRIN zur Kindheit und wenn sich die Autorin, die ursprünglich am Drehbuch mitarbeiten wollte / sollte, über so manches aufregte, machte sie am Ende ihren Frieden mit dem Film. Die Biograf Erik Lorenz und auch Uli Otto erzählen davon in „Liselotte Welskopf-Henrich und die Indianer“ bzw. „Auf den Spuren der Söhne der…“, die Quellenlage erscheint auch dort etwas dünn.
      Beim Lesen der Bücher von Catlin stellt man schnell fest, dass LWH die vermutlich gelesen hat. Die Liste der in Deutschland seit vielleicht 1910 bis 1950 verlegten Bücher über nordamerikanische Indianer wären eine interessante Bibliografie…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.