Liselotte Welskopf-Henrich, die Indianer & Sabine Uhlig

Dieser Beitrag erzählt von der frühen Indianistik-Szene in der DDR der 1960/70er Jahre. Sucht man nach diesem Begriff findet man einerseits dafür „Wissenschaft von den Sprachen und Kulturen der Indianer“, anderseits findet sich der Begriff im Zusammenhang mit sogenannten Reenactments von indianischen Bräuchen und Alltagsleben. Insbesondere Vereine in der DDR sprachen hier von Indianistik. Daran beteiligt war Sabine Uhlig, die diesen Bericht und die Fotografien zur Verfügung stellte.

Sabine Uhlig 1971 (Foto Uhlig)

Es waren die Anfragen des Karl-May-Museums Radebeul 2019 und die der Kunsthalle Rostock 2021, die mich mehr als ein halbes Jahrhundert zurück versetzten. Man bat, als Vertreterin der frühen Indianistik-Bewegung der 1960er Jahre in der DDR, meine selbst gefertigte indianische Festkleidung und handgearbeitete Westernausstattung sowie meine Sammlung zur DDR-Indianistik, zu der auch Briefe von Liselotte Welskopf-Henrich aus dieser Zeit gehören, als Leihgaben für die Ausstellungen in Radebeul und Rostock zur Verfügung zu stellen.
Meine indianische Kleidung entstand mit Hilfe des Ethnologen Dr. Lothar Dräger, Leiter der Nordamerika-Abteilung und des Forschungszentrums des Museums für Völkerkunde Leipzig/Grassimuseum und einer der profiliertesten Nordamerika-Experten in der DDR. 1968 erhielt ich von ihm Zugang zu interner Museumsliteratur des Grassimuseums und zu Ausstellungsstücken indigener Herkunft des 19. Jahrhunderts. Ich durfte sie vor Ort mehrere Tage studieren und entwickelte dabei unter seiner Anleitung meine indianische Festausstattung. Hauptstück ist ein Lederkleid mit beiderseitiger Perlenvollbestickung, Brandings, Kaurimuschel- u. Glasperlenbesatz. Für die Anfertigung benötigte ich vier Jahre. Es war eine der aufwändigsten indianischen Frauenkleidungen in der frühen ostdeutschen Hobbyindianer-Szene, der ich ab Mitte der 1960er Jahre zehn Jahre lang angehörte. Als Beispiel für die hohe Qualität der Indianistik-Bewegung in der DDR gehörte sie jetzt zu den Prunkstücken der Ausstellungen in Radebeul und Rostock.

Foto Kunsthalle Rostock 2021 – Ausstellungsvitrine mit einem Brief von Liselotte Welskopf-Henrich an S. Uhlig, S. Uhlig‘s Mitgliedsausweis und Kupferkette mit ihrem indianischen Namen „Tishunka-wasit-win“ von 1968, von Magdeburger Indianisten handgravierte Zinnplatte zum 13. Great Indian Council 1973 in Magdeburg
Brief von L. Welskopf-Henrich an S. Uhlig aus dem Jahr 1969

Als Zeitzeugin erzähle ich in diesem Beitrag von meinen persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen als ostdeutsche Indianistin und von der Bedeutung Liselotte Welskopf-Henrich‘s und ihrer Bücher für unser Arbeit. Ihre Indianerromane hatten mich und viele Hobbyfreunde mit ihrer eingehenden Erzählweise und der Darstellung historischer und sozialpolitischer Ereignisse auf eine Reise hinter den eisernen Vorhang zu den Ureinwohnern Nordamerikas mitgenommen. Ihr ethnologisches Wissen, ihr Einfühlungsvermögen in die indigenen Mentalitäten und ihr Engagement für deren Bürgerrechte ist in jeder Zeile erlebbar. Liselotte Welskopf-Henrich prägte entscheidend mein Interesse an den American Indians. Die authentischen Indianerromane und die Verfilmung der „Söhne der großen Bärin“ verschafften der ostdeutschen Indianistik-Bewegung großes Interesse und Zulauf. Ihre Bücher waren Standardwerke im Cluballtag, aus denen man Wissen und Anregung schöpfte. Ihre Darstellungen in der Pentalogie „Blut des Adlers“ über die Zustände in den Reservationen dieser Zeit veranlasste viele Hobbyfreunde, sich mit dem American Indian Movement (AIM) zu solidarisieren. Obwohl sie Angst hatten, damit in den Focus der DDR-Sicherheitsorgane zu geraten, schrieben sie Protestbriefe an die Regierung der USA und initiierten öffentliche Informations- und Hilfsaktionen. Trotz Liselotte Welskopf-Henrich‘s übervollem Terminkalender unterstützte sie die Indianisten mit ihrem Wissen und ihren Möglichkeiten, mit Kontakten zum AIM und zu Reservationen in den USA. Ihre Romane waren bei der Gruppenarbeit stets parat. Als 1967 „Licht über weißen Felsen“ erschien, verlieh mir unser Club aus diesem Buch den indianischen Namen „Tishunka-wasit-win“ (Schönes-Pferd-Mädchen), übergab mir den neuen Mitgliedsausweis und ein handgefertigtes Kupfermedaillon mit der Gravur dieses Namens. Kette und Ausweis gehörten über 50 Jahre später zu den Ausstellungsstücken in der Kunsthalle Rostock, ebenso wie einer der Briefe von Frau Welskopf-Henrich, in dem sie mir näheres zum Namen „Tishunka-wasit-win“ berichtete. Als ich die Anfertigung meiner indianischen Festkleidung plante, gab sie wertvolle Tipps und zeichnete Mustervorschläge. In einem ihrer Briefe lag ein Stachelschweinborsten verziertes Leder-lesezeichen, eine Handarbeit aus der Pine Ridge Reservation, das sie von ihren Reisen mitgebracht hatte. Die Briefe von Liselotte Welskopf-Henrich sind sehr persönliche Erinnerungen an meine Zeit als Indianistin in der DDR. Sie dokumentieren ihre Zugewandtheit zu ihren Lesern und zur Szene.

Brief von L. Welskopf-Henrich an S. Uhlig aus dem Jahr 1969

Der Indianistik-Bewegung in Deutschland und speziell den Indianisten in der DDR widmete sich das Karl-May-Museum Radebeul seit 2019 in den Sonderausstellungen „Die Deutschen und ihre Indianer“ und „Indianerszene im Osten“. Damit wurde dieses Thema erstmals kuratorisch aufgegriffen. Im Sommer 2021 begeisterte die Kunsthalle Rostock mit der Ausstellung „OST/WESTERN – Kino, Kult und Klassenfeind“. Es war eine Retrospektive mit modernem Blick auf die Indianerfilme als Dokumente ihrer Zeit, die ab den 1960er Jahren in beiden deutschen Staaten entstanden. Die guten Besucherzahlen trotz Corona belegten, daß die 11 bundesrepublikanischen „Karl-May-Filme“ und die 14 DEFA-Indianerfilme der DDR noch heute ihre Anhängerschaft haben. Die sehr erfolgreichen Filme und ihre Protagonisten Winnetou (Pierre Brice) und Old Shatterhand (Lex Barker) sind in die deutsche Kinogeschichte eingegangen, ebenso wie Gojko Mitic, Held der DDR-Indianerfilme und einer der wenigen international bekannten Stars der ostdeutschen DEFA. Während die „Winnetou-Filme“ der bundesrepublikanischen Rialto Film GmbH mit dem recht klischeehaften Bild des Wilden Westens vorwiegend auf die Unterhaltung des Publikums abzielten, ließen die Filmemacher der DEFA historische, ethnologische und sozialpolitische Belange einfließen. Eine besondere Rolle kommt dem ersten Ost-Indianerfilm „Die Söhne der großen Bärin“ nach dem Roman von Liselotte Welskopf-Henrich zu. 1966 war er der fulminante Auftakt zur beliebtesten und profitabelsten Filmreihe der DDR. Die Filmschaffenden der DEFA machten sich die Begeisterung für den Indianerroman Liselotte Welskopf-Henrichs zu Nutze und landeten damit einen internationalen Erfolg, obwohl die Schriftstellerin Vorbehalte bei der filmischen Umsetzung ihres Stoffes hatte. Gojko Mitic wurde zum Star und die Zuschauerzahlen erreichten bis dahin ungeahnte Höhen. Es gelang auch, die expansive Landnahme und den Mord an der amerikanischen Urbevölkerung eindrucksvoll darzustellen. Als im selben Jahr „Nacht über der Prärie“, Liselotte Welskopf-Henrichs ersten Band der Pentalogie „Blut des Adlers“ erschien, waren die Bücher durch ihre große Popularität schnell vergriffen und oft nur „unter den Ladentischen“ der DDR-Buchläden zu bekommen. Die Kunsthalle Rostock würdigte die besondere Rolle Liselotte Welskopf-Henrichs und nahm auch Bezug auf die Indianistik-Bewegung in der DDR.

How KolaIndianistik in der DDR

Schon um die 1920er Jahre befassten sich in Deutschland erste Interessengemeinschaften mit den Ureinwohnern Nordamerikas, eine Faszination, angeregt durch die Auswanderungsbewegungen, die fragwürdigen landesweiten Völkerschauen, die Deutschlandtourneen der amerikanischen Westernshow des „Buffalo Bill“, die Indianerliteratur u.a. von Karl-May.

Die Bevölkerung der DDR entwickelte eine ganz besondere Hinwendung zu den American Indians. 1956 gelang es Johannes Hüttner „Powder Face“ nach hartnäckigen Bemühungen bei den DDR-Behörden in Radebeul, dem Stammland von Karl-May, die erste Indanistik-Gruppe „OLD MANITOU“ zu gründen.

Ethnologe Erich Wustmann (rechts) im Gespräch mit Indianisten beim Great Indian Council 1968 in Taucha bei Leipzig 1968 (Foto unbekannt)

Bald folgten Clubgründungen in Taucha bei Leipzig, in Meißen, in Magdeburg. Die wachsende Indianistik-Bewegung wurde zähneknirschend behördlich geduldet und von den Sicherheitsorganen überwacht. Bis in die 1980er Jahre bildeten sich 50 Clubs mit mehr als 1000 Mitgliedern als Volkskunstgruppen in verordneter Trägerschaft eines volkseigenen Betriebes oder unter dem Dach des Kultur- u. Sportbundes der DDR. Die Indianisten lebten keine Wildwest-Romantik. Sie befassten sich auf völkerkundlicher Basis mit Kultur, Brauchtum und Geschichte der Ureinwohner Nordamerikas des 19. Jahrhunderts. Diese waren unterschiedlich in ihrer Lebensweise und äußeren Erscheinung. Jeder Club spezialisierte sich deshalb auf eine indianische Nation, erforschte und erlernte hobbywissenschaftlich indianisches Leben, Riten und Handwerkstechniken. Mit höchstmöglicher Authentizität wurden Kleidung, Alltagsgegenstände, Waffen selbst hergestellt und als experimentelle Archäologie in ihrer Alltagstauglichkeit geprüft und genutzt. Die frühen Indianisten betrieben auch den Westernbereich mit Enthusiasmus. Dazu gehörten kunstvolle Lederhandwerkstechniken und Metallgravierarbeiten für die selbst gefertigten Pistolengurte, Messerscheiden, Gürtelschnallen, lagen Bullenpeitschen, historischen Revolver und Repetiergewehre, mit denen man virtuos umzugehen verstand. Obwohl man sich mit der Einwanderungsbewegung befasste, waren die Indigenen Nordamerikas steter Schwerpunkt. Die Organisation der Materialien für die Herstellung der Indianer- u. Westernausstattung bedeutete in einem Land der ständigen Mangelwirtschaft eine vehemente Herausforderung. Im zum westlichen Ausland abgeschotteten Staat, in einer Zeit ohne World Wide Web, ohne Telefon in den meisten DDR-Haushalten und begrenztem Angebot in den Buchläden gab es kaum Zugang zu wissenschaftlichem Material. Ethnologisches Wissen wurde aus den Völkerkundemuseen der DDR geholt, aus den ethnologischen Bereichen der Universitäten und über Schlupflöscher aus dem „Westen“ besorgt. Oft schmuggelten unsere Omas, die dazu ihre Rentnerreisefreiheit in die BRD nutzten, Fachmaterial mit großem Herzklopfen durch den ostdeutschen Zoll. Trotz dieser Schwierigkeiten entwickelten sich viele DDR-Indianisten zu hobbyethnologischen Experten, die ihr Wissen und ihre Fertigkeiten innerhalb der Gruppen, bei fachbezogenen Ausstellungen und Vorträgen weiter gaben. Das Hobby verlangte große Leidenschaft, denn es forderte viel Zeit und einen hohen Einsatz.

Johannes Hüttner „Powder Face“ 1968, Gründer des ersten Indianisten-Clubs der DDR in Radebeul und Mitbegründer der Indianistik-Bewegung in der DDR (Foto Uhlig)

Die Behörden wiesen den meisten Clubs ein eigenes naturbelassenes Gelände zu. Es wurde von den Mitgliedern in vielen Aufbaustunden urbar gemacht und mit einem als Vereinsgebäude dienenden Blockhaus in Form eines Westernsaloons oder Ranchgebäudes bebaut. Auf den Höhepunkt des Jahres, das Treffen der ostdeutschen Indianisten zum mehrtägigen gemeinsamen Indianerlager, dem Great Indian Council, später der Indian Week und den Pow Wow‘s wurde das ganze Jahr hingearbeitet. Im Wechsel richtete jeweils ein Club auf seinem Gelände die Großveranstaltung mit Publikumsverkehr aus, eine Aufgabe mit anspruchsvollem Eventmanagement. Die Treffen dienten dem Leistungsvergleich und Wissenstransfer unter den Clubs. Als Aushängeschild der Bewegung lockten sie viele Besucher an. Wissenschaftler, Presse und Fernsehen, Kultur- und Filmschaffende wie die führenden DDR-Ethnologen und eine Reihe bekannter Filmstars aus den DEFA-Indianerfilmen waren häufige Gäste. Die meisten Gruppen der frühen Indianistik-Szene absolvierten das Jahr über ein reichhaltiges Auftrittsprogramm bei städtischen Veranstaltungen und bei den Uraufführungen der DDR-Indianerfilme. Im aufgebauten Indianerlager erwartete das Publikum professionell gestaltete Indianer- u. Westernfolklore. Jeder Hobbyfreund hatte hier je nach Fertigkeit seine Aufgaben. Im bunten Geschehen indianischen Brauchtums bewegten sich hobbyindianische Tänzer in ihrer mit großem Aufwand gefertigten indianischen Kleidung zum Tam-tam der Trommeln. Die Messer- u. Tomahawkwerfer zielten auf ihre Partner an der Holzwand. Und während die nächste Nummer vorbereitet wurde, erklärte der Chief in indianischer Festkleidung mit Federhaube den Zuschauern Wissenswertes über die nordamerikanischen Ureinwohner. Im zweiten Teil kamen u.a. die Cowboys mit zwei Meter langen, scharf knallenden und nicht ungefährlichen Bullenpeitschen zum Einsatz. Bis zum letzten Schnipsel schlugen sie ihren Partnern eine Zeitung aus den Händen und zum Höhepunkt die Zigarette aus dem Mund. Die Auftritte waren bei der Bevölkerung sehr beliebt. Die Hobbyindianer vermittelten einen Hauch Amerika und entführten die Ostdeutschen in eine für die Meisten unerreichbare Welt hinter der unpassierbaren Landesgrenze. Daß die Indianistik-Bewegung speziell in der DDR so erfolgreich wurde, ist sicher nicht zuletzt der fehlenden Reisefreiheit geschuldet. Nach der Wende gab es eine Neuorientierung. Es lösten sich viele Hobbygemeinschaften auf, einige blieben und sind bereits in dritter Familiengeneration dabei. Es entstand eine andere gesamtdeutsche Indianistik- und Westernszene, die sich in unterschiedlichen Dachverbänden und an unterschiedlichen Ausrichtungen orientiert und europaweit tätig ist. Trotz Nachwuchsproblemen gehören heute in ganz Deutschland 45 Interessengemeinschaften zum „Indianistikbund“.

Foto Kunsthalle Rostock 2021 – Ausstellungsvitrine mit der handgearbeiteten Indianisten- und Westernausstattung S.Uhligs aus den 1960/70er Jahren
Innenraum des Blockhauses der Magdeburger Indianistik-Gruppe auf ihremVereinsgelände 1968 (Foto: Pospischil)
Westerntime am Saloon des Tauchaer Indianistik-Clubs (Foto unbekannt)

Sabine Uhlig – Dezember 2021

Sämtliche Fotos wurden von Sabine Uhlig zur Verfügung gestellt. Urheber konnten nicht in jedem Fall festgestellt werden.

Vielen herzlichen Dank an Sabine Uhlig für diesen inhaltreichen Beitrag anlässlich des 120en Geburtstag von Liselotte Welskopf-Henrich. So wie der Begriff „Indianer“ derzeit und gelegentlich kontrovers diskutiert wird, der korrekte Begriff wäre „Native Americans“ oder „Indigene Völker“, werden auch die Indianistik-Gruppen kritisch betrachtet. Dies zeigt auch die MDR-Media-Reportage „Hobby-Indianer – Indianistik im Wandel der Zeiten“ In dieser kommen Indianisten, Amerikanisten und Native zu Wort. https://reportage.mdr.de/hobbyindianer#2465

Die Romane von Liselotte Welskopf-Henrich hatten großen Einfluss auf ein erneuertes Bild auf vor allem nordamerikanische indigene Völker, abgesetzt vom vielleicht vorherrschenden deutschen Karl-May-Bild. Dies gilt insbesondere für die DDR, wurde aber auch in der Bundesrepublik durchaus bemerkt. Schon mit den „Bärensöhnen“ wurde dieses Bild entwickelt. mit der Pentalogie „Das Blut des Adlers“ wurde das Bild verstärkt und der Fokus auch auf das Leben und die Kultur der Völker in den 60iger Jahren und damit auch auf immer noch anhaltende soziale Probleme des 20. Jahrhunderts gelegt. Darin besteht Liselotte Welskopf-Henrichs Verdienst. Die Indianistik-Gruppen beriefen sich nicht nur auf Liselotte Welskopf-Henrich (Die Tauchaer Gruppe befasste sich mit Mandan-Völkern), jedoch waren die hohen Auflagen natürlich bekannt und beliebt. Gleichermaßen dürften die Gruppen zur Verbreitung der Bücher beigetragen haben.

Uwe Rennicke (29.12.2021)

Kath in der Prärie (Kurzgeschichte)

Ein Mädchen auf dem Weg inmitten von Rauhreitern, Scouts und Soldaten in der Prärie. Eine Munitionskolonne soll in das Fort am Niobrara gebracht werden. Dort möchte Kath ihren Vater treffen, einen älterern weißhaarigen Major der US-Armee mit Namen Smith. Mit dabei ist ein Leutnant Roach, der als Verlobter des Mädchens gilt, welches bisher von ihrer Tante Betty, einer wohlhabenden Witwe, erzogen wurden ist.
Die Munitionskolonne wird von einer Dakota-Abteilung überfallen, die ein gewisser Tokei-ihto führt. Die Auseinandersetzungen mit der US-Armee werden häufiger, da inzwischen der Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten beendet wurde. Wir befinden uns in der Mitte der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts, genauer im Jahr 1876, dem Jahr der Indianerschlacht am Litte Bighorn.

Kath trifft auf ein paar Männer, die im Laufe der Geschichte eine Rolle spielen werden. Da ist der Farmerssohn Adam Adamson, der Geld braucht, um das Land seines Vaters vor den großen Grundstücksgesellschaften zu retten, die die Hand nach dem mittleren Westen ausstrecken. Da sind Thomas & Theo, gutmütige Zwillinge, ehemalige Biberjäger, Fallensteller und Cowboys, der etwas weichherzige Tom sowie ein Händler und Schmuggler, der zahnlose Ben. Die alten Grenzer erzählen ihr von ihrem nicht leichten Leben im Grenzland. Erwähnt werden die Goldsucher und auch ein Indianeraufstand in Minnesota im Jahre 1962.

Während des Überfalls übernimmt Kath die Zügel eines Wagens und fährt allein in die Prärie hinaus, bis ein hoch gewachsener schlanker Indianer auf einem Falbhengst vor ihr auftaucht. Kurz darauf kommt es zum Schusswechsel zwischen dem „Roten“ und Bloody Bill, der beim Mord am Vater des Indianers dabei gewesen war. Tokei – ihto geht aus dem Zweikampf siegreich hervor und bringt die junge Frau in die Nähe des Forts, wo Thomas und Theo sie treffen und in das Fort begleiten, bis dort der Ruf ertönt: „Roter reitet an die Station heran!“


Soweit zu der „Indianer“-Geschichte für Kinder, die im Jahre 1956 im Altberliner Verlag Lucie Groszer herausgegeben wurde. Sie befindet sich in Heft 3 der Bären-Lese-Hefte. Auf der letzten Seite befindet sich der Hinweis, dass die weiteren Erlebnisse von Kath im Buch „Die Söhne der großen Bärin“ zu finden ist.

Jedoch findet sich die Geschichte, die im Heft erzählt wird, weder in der Erstausgabe (1951) des erwähnten Romans und auch nicht in der von 1958. Liselotte Welskopf- Henrich hat sie aber später in der dreibändigen (letzter Band) bzw. im im fünften Band Der junge Häuptling der sechsbändigen Ausgabe des Romans aufgenommen.

Liest man dort das Kapitel Cate in der Prärie, sind den Rezipienten der Pentalogie bereits alle Figuren bekannt. Kath/Cate, ihr Vater, Tante Betty und selbst der spätere Leutnant Roach treten erstmals im zweiten Band Der Weg in die Verbannung auf. Kath besucht eine Zirkusvorstellung , in der Harka / Harry, der spätere Tokei – itho und sein Vater Mattotaupa auftraten, es war deren letzte Vorstellung. Sie hat den jungen Häuptling also bereits gesehen, woran sie sich aber nicht erinnern wird.

Im Fort. Szenenbild

Auch die anderen Romanfiguren sind dann schon bekannt. Die wichtigsten sind Adam Adamson und Thomas & Theo. Der alte Adamson war vor Jahren Händler und verkaufte auch Waren einschließlich alter Waffen an Indianer und kaufte zum Beispiel Felle von den Jägern Thomas & Theo. Diese beiden lernte der junge Harka steinhart Nachtauge auf einem Jagdausflug mit seinem Freund Stark wie ein Hirsch kennen. Diese Begebenheiten finden wir im Band 3 – Der Weg in die Verbannung.

Im Film Die Söhne der Großen Bärin hingegen, bringt der junge Häuptling die junge Frau direkt in in das Fort.


Kath in der Prärie ist ein Beispiel dafür, dass Liselotte Welskopf-Hernrich zeitnah nach der Erstveröffentlichung ihres ersten Romans über die „Bärensöhne“ und Tokei – itho in Fragmenten die Vorgeschichte anlegte. Ob die Autorin dabei bereits im Sinn hatte, die Kinder Kath und Harka aufeinandertreffen zu lassen, bleibt unbekannt. Auf jeden Fall gab sie einen Ausblick auf mögliche Fortsetzungen.

Antrag auf Druckgenehmigung des Alberliner Verlages [1]

Der Altberliner Verlag verweist im Jahr 1954 auf die Ergänzung in seinem Druckantrag und betont dabei, dass „die entschlossene Härte der Kampfführung von Seiten der Indianer ihre Ritterlichkeit nicht ausschließt.“

© UR – 23.12.2021

Liselotte Welskopf-Henrich, die Indianer und Uwe Rennicke (1)

Der Eisblock

Die Schwarzen Berge waren immer noch mit einer dicken Schneedecke überzogen. Nur an ihren Rändern begann sich der Schnee langsam zurückzuziehen. An einzelnen Flecken zeigte sich bereits das braune Präriegras des letzten Herbstes. In einem Tal, welches durch die dichten Wälder begrenzt wurde, stand ein Zeltdorf. Dreißig Tipis waren es nur, in denen einhundertfünfzig Menschen lebten. Auch diese, immer in der rauen Natur der Prärie lebenden Dakota warteten auf den Frühling, der ihnen neue frische Nahrung und Kleidung geben würde. Im harten Winter lebten sie nun einmal von gepökeltem Fleisch und getrockneten Beeren. Die Jäger brachten zwar auch Jagdbeute in das Dorf, meistens waren dies aber Kleintiere. Die Hundemeute des Dorfes war abgemagert und auch die Mustangs wiesen unter ihrem Winterfell keine dicke wärmende Fettschicht auf. Klein und zäh waren diese Pferde noch, die vor einigen hundert Jahren durch spanische Männer auf diesen Kontinent gebracht wurden, wo sie sich rasch vermehrten und auch verwilderten. Die Prärieindianer lernten erst später die Zucht und setzten sie auch als Transportmittel ein. Doch weiße Männer hatte nur einer der ältesten Männer bereits gesehen. Die kleine Indianergruppe fing die Pferde aus den verwilderten Herden. Im letzten Jahr, nachdem sie im Winter durch Wolfsrudel zu viele Pferde verloren hatten, bauten sie eine Koral. So konnten sie ihre kleine Herde wieder auffüllen

Black Hills / Bild von Mike auf Pixabay

In der ersten Morgenstunde des Tages trat ein Krieger in sein Zelt. Dieses war eines der größeren Tipis mit achtzehn Zeltstangen. Viele Gäste konnte er in diesem Zelt bewirten. Nach der ersten Büffeljagd würde eine solche Gelegenheit wieder kommen, denn Mattotaupa war ein sehr erfolgreicher Jäger. Ungewöhnlich groß und muskulös ragte er in der Mitte der Männer hervor, die Präriejäger waren eher schmal und sehnig. Vier Bären hatte er vor wenigen Sommern in einem Frühjahr erlegt, daher wurde Matto, der Bär, nun so genannt. Die Große Bärin war seine Ahnin und sie lebte der Legende nach immer noch in der Höhle über dem Tal in den Tse Sapa, den Schwarzen Bergen. Nun war er der Kriegshäuptling der Bärenbande. Im letzen Sommer hatte Mattotaupa nicht viele Kämpfe mit seinen Kriegen, den jungen Hirschen, zu bestehen gehabt. In solchen Zeiten führte die Dorfgemeinschaft der Friedenshäuptling Weißer Büffel an. Viel Freude aber war in sein Zelt gekommen. Neben seinem nun vierjährigen Sohn Harka und seiner erstgeborenen Tochter, daher der Name Uinonah, war ihm ein zweiter Junge geboren wurden. In diesem Winter aber entrann Harpstennah knapp dem Tod. Daher schuldete er Hawandtschita, dem Geheimnismann, Dank. Obwohl, die Pflege und die Kräuter von Untschida, seiner Mutter, waren bestimmt ebenso wichtig gewesen. Vor ihr hatte selbst der alte Medizinmann Achtung, denn sie galt als eine erfahrene weise Frau.

Am Abend vorher berieten die Männer im Ratstipi über den Zug des Dorfes in das Sommerlager. Das Pferdebachtal lag am südlichen Rand der Berge. Hier war ein guter Ausgangspunkt für die Büffeljagd des kommenden Frühjahrs. Hawandtschita legte am Ende der Beratung fest, dass die Büffeltänze in einigen Tagen beginnen sollten. Dann erzählte der Alte von seinen Jugenderlebnissen, selten hörten die Ratsmänner diese Geschichten. Vor über dreißig Sommern kämpfte er mit Tecumseh, dem Berglöwen der Shawnee, im Krieg der Rotröcke gegen die Blauröcke. Daher kannte er auch die hohe Zahl der in das Ostland strömenden Langmesser. Nach dem Tod des Häuptlings in der Schlacht kehrte er zu seinem Stamm zurück. Enttäuscht über die von Tecumseh nicht erreichte Einigkeit der Stämme gelangte Hawandtschita zu der Überzeugung, dass diese Einheit nicht erreicht werden konnte. Die Krieger der Bärenbande folgten ihm darin, waren die knappen Erzählungen doch die einzigen Berichte über die Watschitschun und ihre Mazawaken, Geheimniseisen, in Ländern wo die Sonne aufgeht.

Mattotaupas Blick ging zu seiner Frau, an ihrer Brust schlief der Kleine endlich wieder ruhig und tief atmend. Gleich daneben ruhte auch die vor zwei Sommern geborene Uinonah, an Untschida geschmiegt.

In drei Stunden würde Mattotaupa seinen Sohn wecken. Der Junge hatte den Vater darum gebeten. Es galt, dem älteren Freund einen Streich zu spielen. Tschetan, der Falke, war der Anführer des Knabenbundes, der jungen Hunde. Ein solcher wollte auch Harka unbedingt einmal werden. Der Knabenanführer brachte Harka schon eine Menge bei. Am liebsten setzte er den Jungen auf ein Pony, denn Indianerjungen lernten schon mit vier Jahren reiten. Der Häuptling musste leise lachen, als er an den gestrigen Morgen dachte.

„Indianerland“ / ©️ D. Schöntag

In der fünften Morgenstunde schob sich nämlich der schlanke Knabenkörper Tschetans in das Tipi. Mattotaupa erkannte ihn sofort, blieb aber still und beobachtete das Geschehen. Tschetan riss plötzlich den vier Sommer und Winter jüngeren Freund aus den Fellen, warf ihn sich über die Schultern und verschwand wieder. Langsam setzte sich der Vater in Bewegung. Tschetan rannte zum Bach. Inzwischen trommelte der Kleine mit aller Kraft auf den Rücken des Freundes, was ihm aber nichts nützte. Am Bach angelangt, sprang Tschetan mit Harka in das eisige Wasser und tauchte den Jungen zweimal kurz unter. Harka machte in erstauntes Gesicht, aber jetzt zu schreien, fiel ihm nicht ein. Nein, er fing sofort an zu spritzen, als der Freund ihn nicht mehr fest hielt. Gleich darauf verließen die Jungen den Bach und Tschetan half dem Sohn des Häuptlings, sich mit Bärenfett einzureiben. Harka lief den Tag angestrengt nachdenkend zwischen den Tipis auf und ab. Doch dann hatte er eine Idee. Bevor der Vater das Zelt verließ, um zu der Beratung zu gehen, bat der Kleine ihn stumm, sprechen zu dürfen. Der Vater nickte und dann erzählte Harka, was er vor habe. Mattotaupa versprach ihm, bei seiner „Rache“ zu helfen. Bis dahin war noch etwas Zeit.

Der Junge wachte ein wenig vor der Zeit auf. Sein Vater hatte ihn seit einigen Augenblicken beobachtet. Nun freute er sich, dass der Vierjährige von allein aufwachte. Nicht jeder Junge in diesem Alter lernte so schnell. Die Kinder der Dakota, wurden nicht in die Zelte zum Schlafen geschickt. Sie merkten selbst, wenn die Zeit dazu gekommen war. Schnell wickelte sich der Häuptlingssohn aus den Fellen. Der Vater gab ihm eine Hand voll getrockneter Beeren. Nur Frauen und Kinder nahmen morgens etwas Nahrung zu sich. Dann verließen beide das Tipi. Sogleich bewegte sich der Junge, auf den Ballen auf das Tipi des Freundes seines Vaters, Sonnenregen, zu. Er musste feststellen, ob Tschetan noch im Zelt schlief. Der Vater zeigte ihm dabei noch einmal ohne zu sprechen, wie sich ein Dakota ohne Laut bewegt. Langsam lugte Harka in das Tipi. Er kannte den Schlafplatz und Tschetan lag auch noch auf seinem Lager. Harka bedeutete seinem Vater: Alles in Ordnung. Sofort wandten sich die beiden dem eiskalten schmalen Bach zu. Am Ufer fanden sie noch genügend dickes Eis. Für die nächste Aufgabe brauchte Harka die starke Hand des Vaters. Ein richtiger großer Block sollte leise aus dem Eis bebrochen werden. Das tat Mattotaupa und reichte Harka den Block des Eises. Sofort bewegten sie sich leise wieder in Richtung des Tipis. Der Eisblock war so groß, dass der Vater helfen musste. Langsam legten sie den Block vor dem Zelt ab. Was der Junge nicht wusste, Mattotaupa hatte seinen Jugendfreund Sonnenregen während der Beratung gestern Abend gebeten, um diese Zeit die Wachen der Mustangherde zu kontrollieren. Diese Aufgabe übernahmen, wenn keine Gefahr von feindlichen Stammesgruppen drohte, die Burschen. Vierzehn bis Sechzehnjährige, die sich auf der Jagd bereits bewährten und in den Bund der Roten Federn aufgenommen waren.

Nun half Mattotaupa seinem Sohn, die Plane am Eingang geräuschlos anzuheben. Harke spähte hinein und kroch ganz langsam und leise in das Tipi. Nun reichte der Vater ihm den Block. Den Rest musste der Junge schon allein erledigen. Vor dem Zelt trat Sonnenregen zu seinem Häuptling. Den nun folgenden Spaß wollten sich beide nicht entgehen lassen. Auch Sonnenregen hoffte, dass der kleine Harka die sich selbst gestellte Aufgabe lösen würde, ohne dass der Freund vorher erwachte. Denn das übten die Indianerknaben schon sehr zeitig. Deshalb spielten sie sich auch solche Streiche, die zeigten, wer am besten schleichen und spähen konnte oder die anderen zuerst bemerkte.

Pferdebachtal /Szenenfoto DEFA Film

Der Eisblock war schwer. Trotzdem musste der Junge ihn zum Lager Tschetans tragen und durfte dabei kein Geräusch verursachen. Langsam und gleichmäßig atmend stand er nun über seinem Freund, der immer noch schlief. In den Zelten ist es auch im Winter nicht so bitter kalt, so dass die an die raue Natur gewöhnten Prärieindianer nicht viele Decken benötigten. Tschetan lag also mit freiem Oberkörper auf dem Rücken. Nun musste sich Harka etwas beeilen, der eisige Brocken war doch sehr schwer. Langsam legte er ihn auf Tschetans Brust ab.

Mit einem Schrei fuhr der Anführer der Jungen Hunde aus dem Schlaf. Sofort aber griff er sich den stehengebliebenen Häuptlingssohn und warf ihn auf die Felle am Boden. Er knuffte und stieß ihn derb in die Seiten, aber Harka wehrte sich mit Leibeskräften und gab dabei keinen Mucks von sich. Den Kampf konnte er noch nicht gewinnen. Tschetan war kurz außer sich: Was sollten die Knaben von ihm denken? Doch dann ließ er den jüngeren Gefährten los. Der Falke musste plötzlich an Gestern denken. Das war also die Rache für das Bad im Bach. Da fing er an zu lachen, auch die beiden Männer betraten jetzt das Zelt und lachten mit. Alle freuten sich über das Geschick des kleinen Häuptlingssohnes. Die Geschichte würden sich nun nicht nur die Knaben sondern auch die Burschen und jungen Krieger erzählen. Sonnenregen bedeutete seinem Freund, dass er stolz auf den zukünftigen Krieger der Oglala –Dakota sein konnte.


Es war ein kleiner Schreibwettbewerb im April 2010 in einer kleinen Gruppe literaturbegeisterter Vielleser, die sich Buchgesichter nannten. Die Geschichte DER EISBLOCK beruht auf einer Episode in der der Harka – Stein mit Hörnern, der Häuptlingssohn, an ein Ereignis in seiner frühen Kindheit denkt. Einmal in den Tagen der Einsamkeit der Prüfungen zum Krieger und dann noch einmal, als er wieder heimkehrt in die heimaltliche Gruppe, zur Bärenbande. (→ Band 4 – Heimkehr zu den Dakota)

Uwe Rennicke (2010)

Liselotte Welskopf-Henrich, die Indianer & Kerstin Groeper

Liselotte und ich

Gedanken zum 120 Geburtstag einer tollen Autorin

Kerstin Groeper

Sie gehen mir nie aus dem Kopf: Die Geschichten um Harka – Inyan-he-yukan – Tokei-Itho und sein Volk. Was habe ich diese Bücher geliebt! Als Kind war ich stets „Uinonah“, wenn wir Indianer gespielt haben. Neben unserer Neubausiedlung gab es ein paar Felder und mitten drin ein paar hohe Laubbäume, unter denen wir immer unser Lager aufschlugen. Heute steht dort die Feuerwache München-Obermenzing. Aber damals gruben wir Kartoffeln aus, pflückten Maiskolben und verbrachten den ganzen Sommer unter diesen Bäumen, um „Harka“ zu spielen – am liebsten die Geschichte, in der er als junger Häuptling über den Missouri flüchtet. Die Soldaten stellten wir uns vor – und gingen vor eingebildeten Kugeln in Deckung. Manchmal durfte einer der Jungen der Schwarzfußhäuptling Donner-vom-Berge sein, den wir dann gefangen nahmen. Selbstverständlich wechselte er auf unsere Seite und unterstützte uns im Kampf gegen die Soldaten. Manchmal heiratete ich ihn auch und meine Puppe – in eine selbstgebastelte indianische Wiege gebettet – war unser Baby. Ich war überhaupt recht geschickt, wenn es darum ging, meine Stammesmitglieder mit fantasievoller Kleidung auszustatten. Stirnbänder wurden gehäkelt, Lendenschurze aus rotem Stoff geschnitten und Mokassins aus Lederresten genäht. Sie hielten nur nie recht lange. Doch an den Geschmack der Kartoffeln, die wir im Feuer garten, erinnere mich heute noch. An meine Verletzung am Arm, die ich erhielt, als Donner-am-Berge doch mal die Flucht gelang, erinnere ich mich auch. Wir hatten Harald, den Sohn des Hausmeisters, gefangengenommen, als er unser Lager ausspähte, und meine Stammesbrüder hatten vergessen, ihm das Messer abzunehmen. Nachdem wir nicht so viele Kinder waren, musste ich auf ihn aufpassen – war aber auch mit dem Feuerhüten beschäftigt. Als ich ein Geräusch hinter mir hörte, wirbelte ich herum – und bekam das Messer in den Arm. Donner-am-Berge wollte eigentlich an mir vorbeistechen – und hatte nicht mit meiner schnellen Bewegung gerechnet. Was tun? Das schöne Spiel unterbrechen und nach Hause gehen? Das kam gar nicht in Frage! Harald versorgte meine Wunde mit einem Taschentuch und einem Stück Schnur – wurde von den Männern meines Stammes wieder überwältigt, als sie von der „Jagd“ zurückkehrten, und schließlich als „Blutsbruder“ aufgenommen, weil er nicht geflohen, sondern mir geholfen hatte. Die Blutsbrüderschaft wurde tatsächlich mit einem Messer vollzogen.

Mehr lesen

Liselotte Welskopf-Henrich, die Indianer & Antje Babendererde

Antje Babendererde / Foto: Alexander Stertzik

Am 15. September 2021 jährt sich Liselotte Welskopf-Henrichs Geburtstag zum 120. Mal. Zeit, um einen Moment innezuhalten und der Schriftstellerin zu gedenken, die meine persönliche Entwicklung so entscheidend geprägt hat.

Das Leben der nordamerikanischen Indianer (ja, ich verwende den Begriff noch, solange die Indianer selbst es tun …) hat mich interessiert, seit ich lesen kann. Mein Vater ist mit mir durch den Wald gestreift, mein Opa hat mir die ersten Indianerbücher geschenkt. Und ich wollte mehr von allem: mehr Wald, mehr Indianer-Lesestoff.

Also verschlang ich Die Söhne der großen Bärin und mein Interesse an den Ureinwohnern Amerikas war geweckt, der Grundstein für das, was einmal aus mir werden sollte, gelegt.

Nun wollte ich alles über Indianer lesen, und wurde fündig bei James Fenimore Cooper, bei Anna Jürgen und natürlich auch bei Karl May. Für „Winnetou“ quälte ich mich durch einen zerflederten Band in Frakturschrift und die Wahrheit ist: Ich war schlichtweg begeistert.

Mittlerweile, ich war 14, hatte ich sämtliche DEFA-Indianerfilme mit meinem Helden Gojko Mitic gesehen, doch die „Winnetou“-Verfilmungen waren mir bis dahin verwehrt geblieben, da sie im ZDF ausgestrahlt wurden, und wir auf unserem Fernseher mit Holzverkleidung damals nur ARD empfangen konnten.

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Liselotte Welskopf-Henrich – eine erfolgreiche Schriftstellerin und geliebte Mutter

Liselotte Welskopf-Henrich und Rudolf Welskopf

Diese Geschichte beginnt, als ich noch Teenager war. Meine Mutter, Liselotte Welskopf-Henrich, war schon mit den Buch „Die Söhne der großen Bärin“ erfolgreich. Das war aber „nur“ ihr leidenschaftliches Hobby – oder ihr Nebenberuf. Hauptberuflich war sie Altertums­wissenschaftlerin, Dozentin und später Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihr Spezialgebiet waren die altgriechischen Stadtstaaten, die Poleis. Sklavenhaltergesellschaften, aber zugleich demokratisch – „natürlich“ nur für die Freien und die Sklavenhalter.

Ich aber war in diesem Alter mehr interessiert an den Abenteuern im wilden Westen. „Die Söhne der großen Bärin“ reichten mir bald nicht mehr als Lektüre, ich griff nach allem, was sich bot. Die „Lederstrumpf“-Romane von Cooper waren selbstverständlich erste Wahl, und dann kam ich auch an die Geschichten von Karl May. Meine Mutter hatte nichts dagegen, besorgte auch den einen oder anderen Band. Sie vertraute darauf, dass ich diese Geschichten schon irgendwie richtig einordnen würde. Der große weiße Held, Old Shatterhand, dem immer alles gelingt, der war für mich nach anfänglicher Faszination denn doch ein paar Nummern zu übertrieben – Beispiel: „Ich packte ihn beim Gürtel und schwang ihn mir einige Male um den Kopf“. Trotzdem las ich weiter, ein Abenteuer reihte sich an das andere, man konnte süchtig werden. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass darin eben auch das Manko von Karl Mays Werken liegt – eine Aufreihung gekonnt beschriebener Abenteuer, aber keine Entwicklung der Hauptpersonen. Sie kommen so gut oder schlecht heraus, wie sie hineingegangen sind.

Wichtig ist mir gerade heute aber dazu auch die Feststellung, dass Karl May Rassismus fern lag. Kein Volk ist bei ihm besser oder schlechter als andere dargestellt – überall gibt es gute und schlechte Menschen, und – abgesehen von den Superkräften des Old Shatterhand oder Kara ben nemsi – begegnet man sich auf Augenhöhe. An dieser Stelle ist vielleicht ein Anmerkung zum Begriff „Indianer“ angebracht. Völlig klar, dass diese Bezeichnung ein Irrtum der Europäer ist. Allerdings haben sich bis in die 90er Jahre die native americans selbst so bezeichnet. Und in der Zeit, um die es hier in meinen Erinnerungen geht, war die Bezeichnung „Indianer“ absolut gebräuchlich; auch ihre Emanzipationsbewegung nannte und nennt sich „American Indian Movement“.

Für mich war Karl May allerdings der Anlass, meine Mutter überreden zu wollen, noch mehr „Indianerbücher“ zu schreiben. „Da könnte es doch noch viel mehr Abenteuer geben…??“ Im Grunde bedurfte jedoch es gar nicht meiner Überredung. Sie hatte die Rohfassung der ganzen Vorgeschichte der „Söhne“ schon längst in der Schublade! Dabei hatte sie große Mühe gehabt, die „Die Söhne der großen Bärin“ überhaupt erst einmal Anfang der 50er Jahre in der DDR veröffentlichen zu lassen (das klingt heute unglaublich…). Die Nachfrage war immens gewachsen und überstieg das Papierkontingent des kleinen privaten Altberliner Verlages von Lucie Groszer um das Mehrfache. Aber Frau Groszer war mit ihr ins Risiko gegangen, und sie blieben sich treu, solange sie lebten.

Meine Mutter hatte sich mittlerweile habilitiert, und Beruf und Berufung unter einen Hut zu bringen, war immer wieder herausfordernd für Sie. Eine Haushaltshilfe und eine Sekretärin halfen ihr, eine besondere wissenschaftliche und parallel dazu die schriftstellerische Produk­tivi­tät zu erreichen. Und organisieren konnte sie (auch „organisieren“ im DDR-Sprach­gebrauch).

Nun holte sie das Manuskript dieser ersten Bände hervor, die Geschichte des Jungen Harka, der seinem Vater nach einer Intrige des Medizinmannes in die Verbannung folgt und nach vielen Abenteuern den Weg zurück zu seinem Stamm, zu den „Söhnen der großen Bärin“ findet. Ein klassischer Romanaufbau: „top – down – top“, wie man heute sagt. Absatz für Absatz, Seite für Seite arbeitete sie sich nach Jahrzehnten des Entwurfs wieder durch das Manuskript, alles per Hand. Kein Satz, kein Wort blieb ungeprüft. Und ich durfte ihr erster Leser, Zuhörer und Kritiker sein! Halt – ich glaube, den „Kritiker“ muss ich zurücknehmen. Ich war in diesem Alter doch eher der Fan, war fasziniert von ihren Einfällen, von den Wendungen der Geschichte. Tatsächlich passiert im Verlauf der Bände und der Entwicklung Harka-Tokei-ihtos der ganze „wilde Westen“ jener Zeit Revue; Goldsucher, Posträuber, Abenteurer, ehrenhafte und karrieresüchtige Offiziere, Farmer, arme entwurzelte Teufel auf der einen; Indianerstämme und -gruppen im Kampf um ihr Überleben, aber auch untereinander verfeindet, vorübergehend durch Sitting Bull geeint und durch Tashunka Witko „Crazy Horse“ in siegreiche Schlachten geführt, aber letztlich geschlagen und verfolgt, auf der anderen Seite.

© UR – Bärensöhne Stapel

Alle die Bände, die damals entstanden, haben einen stringenten „roten“ Handlungs­faden, alles ist logisch und folgerichtig. Die Schicksale der Akteure sind durch die historischen Ereignisse vorgezeichnet. Aber sie können entscheiden, auf welche Seite sie sich stellen. Sie kommen aus den Konflikten anders heraus, als sie hineingegangen sind. Und übrigens ist es auch historisch belegt, dass eine Gruppe der Lakota dem Gefängnis der Reservation entkam und in Kanada sich ein neues Leben als Rancher aufgebaut hat. Als meine Mutter Ende der 60er Jahre die Möglichkeit hatte, Nordamerika zu bereisen, konnte sie deren Nachfahren besuchen. Aus diesen Eindrücken dieser Reisen entstand die Roman-Pentalogie „Das Blut des Adlers“ mit den Bänden „Nacht über der Prärie“ usw. Aber das ist schon eine andere Geschichte.

Alle diese von ihr verfassten Bücher faszinieren auch heute viele junge und ältere LeserInnen, und das ist gut so – denn es ist wirklich gute Literatur, gut geschriebene Abenteuerliteratur im besten Sinne, historisch und geografisch genau, psychologisch stimmig und voller spannender Konflikte und Kämpfe. Die anschaulichen Landschafts- und Naturbeschreibungen – man denke nur an die ersten Seiten von „Harka“ – auf die sie als sehr naturverbundener Mensch besonderen Wert legte, wusste ich erst später zu würdigen.

Rudolf Welskopf (31.08.2021)

Interview mit Dr. Rudolf Welskopf

Der Weg in die Verbannung (Bärensöhne 2)

Verschiedene Ausgaben Band II: Der Weg in die Verbannung

Harka ist seinem Vater, dem einstigen Häuptling der Bärenbande, heimlich in die Verbannung gefolgt. Vater und Sohn kämpfen nun in der Prärie und im Dickicht des Waldes ums Überleben. Sie wissen, dass sie nur im Sommer auf sich allein gestellt in der Wildnis existieren können. Für einige Monate suchen sie Schutz in den Städten der Weißen. Sie werden von einem Wanderzirkus aufgenommen. Sie finden Freunde unter den Weißen, lernen ihre Sprache und Schrift. Aber dauerhaft in dieser Welt zu leben ist ihnen unvorstellbar. Ihr Rückweg in die Freiheit der Prärien und Wälder ist mit dramatischen Ereignissen verbunden.

Palisander – Verlag

Die Handlung

Der Rote Jim. Der Leser erwartet nach HARKA zu lesen, wie es mit dem Jungen und seinem verbannten Vater weitergeht. Der Kriegshäuptling Mattotaupa war unter dem Vorwurf, diesem rothaarigen Weißen etwas vom Goldschatz seiner Väter verraten zu haben, verbannt wurden. Der Junge entschloss sich, den Vater zu begleiten.

Nun wird es aber Zeit, dass Liselotte Welskopf-Henrich etwas zu diesem Charaktere verlautbart, der abwechseln Red Jim, der Rote, Red Fox oder Fred Clarke genannt wird. Ungefähr zweiundzwanzig Jahre ist er alt: Waisenjunge, vom Pflegevater verprügelt, Postkutschenräuber, Kundschafter sowohl bei den Nordstaaten als auch den Südstaaten im Bürgerkrieg; obwohl er sich mit Raub über Wasser halten konnte, reich ist er nicht geworden. Gold müsste man finden…

Harka und Mattotaupa in den Bergen. Vater und Sohn müssen sich einrichten. Jagen, Vorräte für den Winter anlegen, Waffen herstellen, Harka lernt unmittelbar von seinem Vater. Dann treffen sie auf eine Gruppe Pani (Pawnee), die vermutlich gehört haben, dass die verhasste Bärenbande bei den Dakota ihren berühmten Anführer verloren hat. Sie wollen sie angreifen. Mattotaupa will das verhindern, um wieder in Ehren aufgenommen zu werden. Harka schleicht sich ins Dorf und warnt die Schwester Uinonah. Der Kampf wird gewonnen, doch weisen ihn die Krieger und Häuptlinge von sich. Alte Antilope, der in Mattotaupas Tipi auch dem Feuerwasser des Red Fox erlegen war, zieht die Rache des ehemaligen Häuptlings auf sich…

Erstmals im Blockhaus. Vater und Sohn entschließen sich, die Welt der weißen Männer kennenzulernen. Bald treffen sie welche, die sie in der Prärie aus einem Sandsturm führen müssen. Harka bekommt einen ersten Eindruck und lernt den Hahnenkampf-Bill und den Indianer Tobias kennen, die noch mehrmals in den Büchern vorkommen. Im Blockhaus am Niobrara treffen sie später wieder auf den Maler Morris und dessen Begleiter Langspeer.

Als der Maler beraubt werden soll, versuchen sie ihm zu helfen, was nicht gelingt, sie verlieren den Kampf. Der Junge macht erstmals Bekanntschaft mit dem Wasserloch im Haus, in das er gestoßen wird und welches einen Zugang zum Fluss ermöglicht. [1]

Doch erst als Red Fox, der wieder versucht hatte, in der Höhle Gold zu finden, ankommt, kommt Mattotaupa frei.
Das ist nicht das Leben, welches sich der Häuptlingssohn vorstellt. So reift der Plan, zu den Siksikau zu reiten und bei diesen „Feinden der Dakota“ die Proben zum Krieger abzulegen, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Vorher will Mattotaupa aber mit eigenen Augen sehen, wo die Weißen wohnen und wie sie leben. Daher ziehen sie mit Weitfliegender Vogel Gelbbart Geheimnisstab und Langspeer sowie Fred Clarke los. Nach Omaha.

Im Zirkus. Die Gruppe um Morris, Langspeer, Fred Clarke und den beiden Indianern besuchen einen Zirkus und der Junge gewinnt einen Showteil, worauf sie gebeten werden, sich dem Zirkus anzuschließen. Harka arbeitet mit dem Clown zusammen, der ihm Karten von den USA zeigt und ihm Schreiben und Lesen beibringt. [2] Im Zirkus tritt eine Gruppe von Indianern (Dakota aus dem Raum Minnesota) und Cowboys auf, geführt von einem Mann namens Buffalo Bill, der Vater und Sohn gern in die Showgruppe einbauen will, die beiden lehnen allerdings die geforderte absolute Unterordnung ab. Harka arbeitet mit dem Clown an einer separaten Nummer.

Während der letzten Vorstellung besucht ein Major Smith der US-Armee mit seiner Tochter Kate die Zirkusvorstellung. Smith erkundigt sich bei der Dakotagruppe nach den Kampf auf der Farm seiner Mutter während des Minnesota-Aufstandes [3], an dem wohl einige der Krieger beteiligt waren. Kate bewundert den Indianerjungen und seine Reiterkunststücke. [4]

Als die Dakota in ihre Heimat zurück wollen, führt Mattotaupa die letzte „Zirkusnummer“, wobei er den sadistischen Inspizienten erschießt. Nun beschließen die beiden „Bärensöhne“ den Weg zu den Siksikau (Blackfeet) einzuschlagen. Die Männer der Dakotagruppe laden Vater und Sohn ein, mit ihnen zu kommen. Doch Mattotaupa lehnt ab mit den Worten: „Wir können nicht mit euch kommen. Ihr seid Dakota.“

Harka hat genug von den Weißen, er möchte zurück zum gewohnten Leben in der Prärie, Mattotaupa allerdings hat erneut zu Alkohol gegriffen. Er bezeichnet den roten Jim als Freund, etwas, was sein Sohn nicht mehr teilt, dem die kriminelle Seite des Red Fox aufgefallen war.

Zum Hintergrund

Liselotte Welskopf Henrich hat ihrem Helden nicht allzu viel Zeit gelassen, in der Wohlbehütetheit des Stammes aufzuwachsen. Der Bruch ist hart und bleibt nun Thema der Folgebände.
Schwerpunkt ist der Aufenthalt der Zirkus und dem Blick in eine neue Welt für den Sohn des ehemalige geachteten Kriegshäuptling. Harka beobachtet die Verhaltensweisen der Watschitschun genau und lernt zu unterscheiden, dass diese sehr unterschiedlich denken und handeln. Der Umgang des Leiters der Indianergruppe mit den Angehörigen dieser schreckt Harka ab, ein weiterer Grund für das Ziel, wieder in die freie Prärie zu freien Gruppen der Prärieindianer zu reiten. Zudem hofft Harka, dass es möglich sein wird, die Unschuld des Vaters gegenüber der Bärenbande zu beweisen.

Welskopf-Henrich bedient sich mit dem Thema Zirkus eines Kunstgriffes. Sie führt eine bekannte Figur der USA-Geschichte ein: Frederick William Cody, genannt Buffalo Bill. (1846 – 1917) Den Namen bekam er, weil er als Jäger und Scout für die Eisenbahnbauer Fleisch beschaffte und dabei eine Unmenge Büffel erlegte. [5] Buffalo Bill selbst ist damit allerdings nicht die Ursache für das spätere Abschlachten riesiger Bisonherden um den Plainsindianern die Existenzgrundlage zu nehmen, was fälschlicherweise oft erklärt wurde.

Zirkus – Plakat (Abb 2)
Buffalo Bill & Tatanka Iyotake (Abb 1)

Jedoch geht Cody zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Showtätigkeit nach. Dies ist erst ab den achtziger Jahren der Fall. [6] Zu Beginn war der bekannte Geheimnismann Tatanka-Yotanka (Tatanka Iyotake) eine Zeitlang mit dabei, der hoffte, für die Sioux-Stämme in Washington und beim Büro für indianische Angelegenheiten sprechen zu können. Da dies keine Wirkung zeigte, wandte sich der Hunkpapa- Sioux wieder ab vom Zirkus.

Die Wild West Shows kamen ab 1887 auch nach Europa. Tatanka Iyotake war nicht Teil dieser Shows. [7] Die Shows fanden sowohl auf großen Freigelände, z.B. 1890 auf der Münchener Theresienwiese, also auch in Zirkusmanegen statt. [5]

Liselotte Welskopf Henrich könnte in ihrer Kindheit die „Völkerschauen“ besucht haben, in denen u.a. Angehörige von Völkern aus Afrika und Amerika „vorgestellt“ wurden. Derartige Ausstellungen wurden im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert in verschiedenen Ländern Europas gezeigt. [8] Berühmtheit erlangte mit solchen Darstellungen, die spätestens nach dem ersten Weltkrieg richtigerweise als rassistisch angesehen wurden, zum Beispiel Carl Hagenbeck im Zoo Hamburg. [9] Möglicherweise entwickelte sie hier bereits erste Vorstellungen zu den Lebensumständen indigener Völker, in Teilen beschrieb sie dies in ihrem Text Meine Mutter, die Indianer und ich.

Auf die Wild-West-Show des William Cody dürfte sie nicht gestoßen sein, die letzte in Deutschland fand vermutlich im Jahre 1906 statt. Ab 1913 war das Unternehmen insolvent. Sie erzählte in der Familie aber einmal, dass sie eine Zirkusshow mit Indianern aus Kind oder junges Mädchen besucht hatte.[10] Von den Zirkus-Nummern mit indigenen Artisten berichtete ein anderer Zirkus-Artist, der eine gewisse Berühmtheit erlangte, denn er wohnte in der „Villa Bärenfett“ in Radebeul. Ernst Tobis (1876 – 1959), genannt Patty Frank [11] hatte als Dreizehnjähriger die Show von William Cody in Frankfurt am Main gesehen. Als Artist kam er nach Nordamerika und sammelte indianische Ethnografika. In wirtschaftlicher Not übereignete er seine Sammlung (540 Stücke) an Klara May (die Witwe des bekannten Schriftstellers) und bekam dafür lebenslanges Wohnrecht in Radebeul. Er wurde Verwalter und Museumsführer im 1928 eröffneten Karl-May-Museum[12] . Dort erzählte er von seinen Reisen, vom Zirkus und sicher auch von Buffalo Bill.

Liselotte Welskopf-Henrich, die ihren Karl May gelesen hatte, auch wenn sie gänzlich andere „Indianer-Geschichten“ verfasste, könnt also aus eigenem Erleben und aus diesen Erzählungen die Idee vom Zirkus in Omaha entwickelt haben.

Für die Entwicklung des Dakota-Jungen Harka Steinhart Nachtauge sind die Zirkus – Erfahrungen von hoher Bedeutung. Mit dem Maler Morris und dem vermeintlichen Freund des Vaters, Red Fox, dem der Junge zunehmend misstraut, sowie der Gruppe von Weißen am Niobrara hatte er sehr unterschiedliche weiße Männer kennengelernt. Die Zirkuswelt und die große Stadt Omaha machen ihm klar, was mit der weißen amerikanischen Bevölkerung für eine gewaltige Welle in Richtung Felsengebirge rollt. Einen großen Anteil daran hat auch Old Bob, der Clown, welcher ihm zeigt, dass aus Europa unzählige weitere weiße Frauen und Männer nach Nordamerika kommen. Die Bedeutung von Gold für diese kannte Harka zwar, verstand dies aber erst jetzt, als das Geld hinzukam. Die gefährlichen Anstrengungen, die der Tiger-Dompteur auch mit Hilfe des unerschrockenen „Harry“ (Harka) unternimmt, um weiteren Zirkus-Agenten zu gefallen, verdeutlichen dies nur zu genau.

Doch jetzt dürfen Mattotaupa und Harka noch einmal zurück in die Prärie um das zu sein, was sie sind: Reiter und Büffeljäger.

  • 1) Das Wasserloch zum Niobrara wird im Laufe der folgenden Jahre mehrfach genutzt werden.
  • 2) Inya-he-yukan erzählt 100 Jahre später auf der Reservation Pine Ridge, dass er von einem Zirkusclown Lesen und Schreiben lernte. LWH in „Nacht über der Prärie“ (1. Band der Pentalogie „Das Blut des Adlers)
  • 3) Der Aufstand wird auch als Dakota-Krieg von 1862 bezeichnet. Damit begann eine Kette von Kämpfen zwischen den Sioux und der US-Armee, die letztlich in Wounded Knee ihr Ende fand. https://de.wikipedia.org/wiki/Sioux-Aufstand
  • 4) Major Smith wird Jahre später das Fort am Niobrara führen, wohin auch die nunmehr erwachsene Kate reisen wird. In „Der junge Häuptling“ wird sie wieder auf den „Zirkusjungen“ treffen. Diese Episode wurde in einem Heft mit dem Titel „Kate in der Prärie“ veröffentlicht.
  • 5) vgl. Buffalo Bill – Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Buffalo_Bill
  • 6) Vgl. Dazu Beitrag von Dietmar Kuegler: Chief Iron Tail – Der Büffeljäger und Zirkus-Showman Cody hat sich im Laufe seines Lebens zu einem Freund der Dakota bzw. Lakota gewandelt, die ihn auch später und rückwirkend als Freund betrachteten, der sich dür die Stammensgruppen in den Reservationen einsetzte und gelegentlich auch half.
  • 7) Vgl. Ebenda zu Iron Tail
  • 8) Vgl. Seite „Völkerschau“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 3. April 2021, 10:52 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=V%C3%B6lkerschau&oldid=210503270 (Abgerufen: 5. April 2021, 13:43 UTC)
  • 9) Seite „Carl Hagenbeck“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 19. Januar 2021, 14:52 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Carl_Hagenbeck&oldid=207836792 (Abgerufen: 5. April 2021, 13:45 UTC)
  • 10) Rudolf Welskopf am 06.04.2021
  • 11) Vgl. Karl-May-Wiki https://www.karl-may-wiki.de/index.php/Patty_Frank
  • 12) Vgl. Sächsische Biografien https://saebi.isgv.de/biografie/Patty_Frank_(1876-1959)
  • Abb 1: Von D. F. Barry – Dieses Bild ist unter der digitalen ID cph.3a22279 in der Abteilung für Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar. Diese Markierung zeigt nicht den Urheberrechtsstatus des zugehörigen Werks an. Es ist in jedem Falle zusätzlich eine normale Lizenzvorlage erforderlich. Siehe Commons:Lizenzen für weitere Informationen., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2037885
  • Abb 2: Von Johannes Starcke (Eisenacher Hofbuchhändler) – Zeitungsinserat in der Eisenacher Zeitung, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6062829

© UR (aktualisiert: 07.11.2022)

Dietmar Kuegler: Chief Iron Tail

Der Lakota-Häuptling von Buffalo Bill’s Wild West

Die Zeit des „Wilden Westens“ war noch nicht vorbei, da wurde sie bereits zum Unterhaltungselement. In den Wüsten Arizonas kämpften noch immer Armee und Apachen gegeneinander. In den Weiten Wyomings standen sich Rinder- und Schafzüchter mit schussbereiten Waffen gegenüber. In Oklahoma ritten falkenäugige US Marshals auf der Fährte der letzten Banditen der Pionierzeit. Aber ab Mitte der 1870er Jahre standen einige Protagonisten der Wildnisregionen auf Theaterbühnen des amerikanischen Ostens und führten einem staunenden Publikum Faustrecht und Abenteuer in den Plains und Rocky Mountains vor. Nur wenige Jahre später eröffnete in Nebraska ein Mann ein Showunternehmen, das binnen kurzem zur Weltsensation werden sollte.

Am 17. Mai 1883 zeigte William Cody in der kleinen Stadt North Platte erstmals „Buffalo Bill’s Wild West“. Er dramatisierte das, was er im Laufe seines Lebens gesehen und erlebt hatte und was sich in der Realität noch immer in den westlichen Gebieten Nordamerikas abspielte, als Showspektakel. Der Erfolg war so überwältigend, dass er sich entschloss, ein umfassendes Programm zu entwerfen, dass alle Elemente der amerikanischen Pionierzeit – die zu jener Zeit noch gar nicht abgeschlossen war – enthielt: Goldrausch, Rindertreiben, Indianerkriege, Landnahme, Postkutschenüberfälle. Er heuerte echte Cowboys an, die ihre reiterlichen Fähigkeiten in der Manege vorführten. Er erwarb eine kleine Bisonherde, und er engagierte Indianer von den Reservationen im Nordwesten, die dem Publikum Teile ihrer Kultur demonstrierten. Nach kleinen Tourneen durch Staaten des amerikanischen Ostens und Südens, ging er mit seiner Show nach Kanada, und schließlich brach er nach Europa auf und trug die Interpretation der amerikanischen Besiedelung in die Alte Welt.

* * *

Cody wurde in den Augen eines globalen Publikums zur Personifizierung der amerikanischen Pionierzeit. Der Sohn einer armen Siedlerfamilie, dessen Vater von einem fanatischen Südstaatler erstochen worden war, weil er sich öffentlich gegen die Sklavenhaltung engagiert hatte, war an allem, was die sogenannte „Frontier“ in Nordamerika ausgemacht hatte, beteiligt gewesen. Er war Frachtwagenlenker auf den Trails in die Wildnis gewesen, Pony Express Reiter, Fleischjäger für Eisenbahnbautrupps, Scout der Armee, „Indianerkämpfer“ – kurz, er war ein Abenteurer aus einer anderen Welt, die dem Amerika der Oststaaten ebenso wie den Menschen in Europa so fern war wie ein anderer Planet.

William Cody gilt im Allgemeinen als der Erfinder der „Wild West Show“ und das Jahr 1883 als die Geburt dieser Darstellung. Das zeigt, wie sehr seine Persönlichkeit die öffentliche Meinung dominierte.

Zirkushistorisch gesehen, stimmte das auch, tatsächlich aber war die Präsentation von Ereignissen der amerikanischen Pionierzeit wesentlich älter. Die Regionen westlich des Missouri, die im 19. Jahrhundert eine enorme Anziehungskraft ausübten, faszinierten das bürgerliche Amerika ebenso wie die Alte Welt bereits zu einer Zeit, als es die die „Grenze“ zwischen Zivilisation und Wildnis noch gab.

Schon vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg erschienen abenteuerliche Geschichten von blutrünstigen Indianern und heldenhaften Trappern und Pionieren, von Goldsuchern und Planwagenzügen. Nach Ende des Krieges setzte sich dieser Trend fort. Elemente wie der Eisenbahnbau und die Rindertrails von Texas nach Kansas kamen ebenso hinzu, wie die Geschichten von Bisonjägern, und natürlich von Straßenräubern und Revolvermännern. Es wurden erste Theaterstücke mit diesen Themen geschrieben.

Im Dezember 1869 erschien die Geschichte „Buffalo Bill, King of Border Men“ aus der Feder eines der eifrigsten Autoren dieser Literatur, Ned Buntline. Dessen richtiger Name lautete Ed Judson, und er war eine höchst zwielichtige Person, der allerdings eine Nase für sensationelle Themen hatte. Er war durch den Westen gereist, um „wahre Helden“ zu finden, die er an ein sensationshungriges Publikum im amerikanischen Osten verkaufen konnte.

Nach mehreren vergeblichen Versuchen, mit Männern wie „Wild Bill“ Hickok und dem bekannten Armeescout Frank North ins Gespräch zu kommen, stieß er auf William Cody, der Buntline nicht ganz ernst nahm, mit ihm ein kurzes Gespräch führte und ihn dann wieder vergaß.

Buntlines Werk über „Buffalo Bill“ wurde ein Sensationserfolg und machte den Mann aus dem Westen mit einem Schlag populär. Als Cody nach langem Zögern endlich in den Osten reiste, um auf Einladung Buntlines öffentlich aufzutreten, wurde er von seiner eigenen Berühmtheit überrascht. Die Eisenbahnstation, auf der er aus dem Zug stieg, wurde von Schaulustigen regelrecht überrannt.

Buntline schrieb 1872 auf der Grundlage seines Buches ein Theaterstück unter dem Titel „The Scouts of the Prairie“ und überredete Cody, mit ihm und „Texas Jack“ Omohundro, einem anderen echten „Westmann“, auf die Bühne zu gehen.

Die Protagonisten mussten nicht viel sagen – allein ihr Erscheinen löste hysterische Massenaufläufe aus.

Sie tourten zwei Jahre lang durch die USA, bis Cody klar wurde, dass Buntline ihn schamlos betrog. Von da an organisierte er seine öffentlichen Auftritte selbst.1877 machte auch Jack Omohundro sich selbständig, und hier und da gab es bereits Freiluftveranstaltungen, in denen Kunstschützen, Lassowerfer und Indianer auftraten. Das alles waren aber eher kleine Unternehmen, die nur regionale Bedeutung hatten. Zweifellos wurde Cody von seinen Erfahrungen auf der Theaterbühne angeregt, die gesamte Pionierzeit darzustellen. Eine Kombination aus Theater, Zirkus und Varieté.

Wer hätte diese Idee glaubwürdiger und spektakulärer vertreten können als er?

Die Männer in der Manege waren echte Cowboys, die auf den endlosen Weiden des Westens gearbeitet und Tausende von knochigen Longhornrindern von Texas bis zu den Bahnstationen in den Ebenen von Kansas getrieben hatten. Die „Deadwood Stage“, die Postkutsche, die während der Show überfallen wurde, war das Original, das tatsächlich auf staubigen Wegen zu den Goldrauschstädten in den Black Hills gefahren war.

Echte Bisons stürmten an den Zuschauern vorbei. Und dann kamen die Indianer: Drahtige, dunkelhäutige Gestalten, die auf dem blanken Rücken ihrer Pferde dahingaloppierten. Majestätisch wehten die großen Federhauben. Ihre gutturalen Schreie ließen die Luft erbeben und jagten dem Publikum Schauer über den Rücken. Einige dieser Männer hattenwirklich noch an blutigen Kämpfen mit den weißen Pionieren und der Armee teilgenommen. Viele von ihnen hatten sogar am Little Bighorn gekämpft, wo sie die 7. US-Kavallerie vernichtet hatten.

Sie waren keine Fantasiegestalten, aber sie kamen aus einer anderen Welt, die von Abenteuer und Romantik verklärt war.

Die Anziehungskraft dieser Vorführungen war unbeschreiblich. Der amerikanische Osten geriet in Aufruhr. In Kanada strömten die Menschen herbei, um den „wahren Wilden Westen“ zu sehen. Und erst in Europa: Ab 1887 tourte Cody mit seiner Show durch die Alte Welt. Acht Tourneen führte Cody bis 1906 durch. Staatsoberhäupter, Könige und sogar der Papst gehörten zu seinem Publikum. Queen Victoria war begeistert von den wilden Männern und Frauen aus dem amerikanischen Westen – während der ersten Englandtour wurden nicht weniger als 2,5 Millionen Eintrittskarten verkauft.

William Cody hatte die Ideen und Visionen, er hatte die Persönlichkeit und das Charisma, das Publikum zu begeistern. Aber er benötigte natürlich Geldgeber, und mit dem Journalisten John Burke aus Arizona hatte er einen genialen Mann für die Öffentlichkeitsarbeit. Plakate, Prospekte, Pressekonferenzen, Sponsoren, Souvenirs – alles, was mithalf, die Show mit den Mitteln der damaligen Zeit zu vermarkten, wurde von Burke geschaffen, der auch völlig neue Promotion-Methoden entwickelte, die zum Vorbild für andere Unternehmen werden sollten. Wer Buffalo Bill’s Wild West untersucht, entdeckt Ursprünge von modernem, bis heute gültigem „Merchandising“, perfekte Medienpromotion, Marketing auf allen Ebenen, Franchising, Markenlizensierung, wobei alle in jener Zeit möglichen Techniken genutzt wurden, bis hin zu frühen Filmaufnahmen.

Erst weltweite Wirtschaftskrisen brachten das Imperium William Codys, zu dem die Show herangewachsen war, ins Wanken. Die teuren Eintrittskarten waren für viele Menschen nicht mehr erschwinglich. Unwetter in den Südstaaten der USA, die viele Pflanzer ruinierten, Krankheiten der Showpferde – wie die berüchtigte „Rotz-Krankheit“ (Malleus), die auf einer Tournee in Frankreich seine Herde vernichtete –, steigende Preise für den Unterhalt der vielen Menschen und Tiere, und nicht zu vergessen der exzentrische Lebensstil Codys wurden zu ernsten Problemen. 1913 war das Unternehmen bankrott.

Bis dahin aber hatte William Cody den Traum von der amerikanischen Pionierzeit in Millionen von Herzen und Köpfen gepflanzt. Die Indianer, die in seiner Show auftraten, hatten der Welt Elemente ihrer Kultur gezeigt und vor allem belegt, dass sie noch existierten, dass sie nicht untergegangen waren.

Bis zum heutigen Tag halten die Völker, die mit Cody arbeiteten, die Erinnerung an ihn in Ehren; denn er erwirkte in zähen Kämpfen mit dem US-Innenministerium Sondergenehmigungen, dass sie ihre Reservationen verlassen durften. Er bezahlte nach damaligen Standards so gut, dass sie ihre Familien daheim versorgen konnten, und er behandelte sie mit Respekt, so dass noch ihre Nachkommen darüber berichteten.

Als Cody starb, trat der Stammesrat der Lakota zusammen und veröffentlichte einen ehrenden Nachruf.

Der Großvater von Ken Woody, dem Chief Ranger des Nationalpark Service am Little Bighorn, war einer dieser Indianer. Ken Woody ist, wie sein Großvater, Mohawk-Indianer. Zwar ritten tatsächlich viele Angehörige von Plains- und Prärievölkern mit „Buffalo Bill’s Wild West“, aber es wurden auch östliche Waldlandindianer engagiert, die mit Plains-Regalia ausgestattet wurden.

Ken Woody berichtete: „Als ich Kind war, fand ich die Ausrüstung meines Großvaters, die er getragen hatte, als er für Buffalo Bill geritten war. Das weckte mein eigenes Interesse an den Plainskulturen. Mein Großvater hatte über diese Zeit nie geredet. Als ich ihn fragte, erzählte er mir von den Tourneen und berichtete, dass diese Zeit zu den besten Erfahrungen seines Lebens gehörte. Cody behandelte die Indianer mit Freundlichkeit, und er hatte einen Angestellten, der sich nur um die indianischen Teilnehmer kümmerte, der dafür sorgte, dass sie mit dem Essen versorgt wurden, das sie sich wünschten, der auf ihre Gesundheit achtete, der die Kontakte zu ihren Familien aufrechterhielt und die Zahlungen an ihre Familien abwickelte.“

Diese Menschen, die bis dahin in ihren abgelegenen Reservationen dem Vergessen anheimgefallen waren, konnten sich der Welt präsentieren, und Europa nahm Anteil. Es wurde ein Interesse am Schicksal der nordamerikanischen Indianer geweckt, das bis heute nicht erloschen ist.

Cody forderte damit die Regierungsbehörden und Indianeragenten heraus, die im ausgehenden 19. Jahrhundert versuchten, die indianischen Kulturen auszumerzen. Sprache, Rituale, Tänze, religiöse Zeremonien – alles, was Ausdruck der eingeborenen Kulturen war, sollte verschwinden. Cody bestärkte die Indianer genau darin, diese Elemente zu erhalten. Er wollte, dass sie in ihrer Sprache redeten, dass sie ihre Tänze zeigten, dass sie über ihre Lebensweise erzählten.

Es gab gar eine regierungsamtliche Ermittlung gegen Cody, weil er die Umerziehung der Indianer behinderte – sie wurde letztlich niedergeschlagen.

Als er am 10. Januar 1917 starb, trat zwei Tage später der Stammesrat der Oglala-Lakota auf Pine Ridge zusammen und schickte dieses Telegramm an Codys Kinder:

„Pine Ridge, South Dakota, 12. Januar 1917

Die Oglala Sioux Indianer von Pine Ridge, South Dakota, die sich zum Rat versammelt haben, drücken im Namen aller Oglalas ihr tiefstes Mitgefühl gegenüber der Ehefrau, den Verwandten und Freunden des verstorbenen William F. Cody für den Verlust aus, den sie erlitten haben. Wir erklären, dass wir Oglala in Buffalo Bill einen warmherzigen und treuen Freund gefunden haben. Unsere Herzen sind schwer vor Trauer wegen seines Dahinscheidens. Uns erleichtert nur der Glaube, dass wir ihn vor Wakan Tanka in den Ewigen Jagdgründen wiedersehen werden.

Chief Jack Red Cloud.“

Wenn die Indianer der Buffalo Bill Show in die Manege galoppierten oder in den Städten, in denen sie gastierten, auf den Straßen paradierten, ritt an ihrer Spitze meistens ein Mann, dessen Erscheinung bei den Zuschauern die blanke Ehrfurcht auslöste.

Eine hochgewachsene, kräftige Gestalt mit einem Gesicht, wie kein Schriftsteller es markanter beschreiben konnte. Er war der fleischgewordene Traum vom edlen Krieger, von allem, was die Vorstellungskraft der Welt beim Gedanken an nordamerikanische Indianer erzeugte.

Sinte Maza, besser bekannt als Iron Tail, war für viele Jahre der unumstrittene Star von „Buffalo Bill’s Wild West“. Er blickte von unzähligen Plakaten. Postkarten mit seinem Portrait waren begehrt. Er repräsentierte den Plainsindianer schlechthin, was letztlich dazu führte, dass über ihn viele übertriebene oder völlig falsche Geschichten im Umlauf waren.

Seine eindrucksvolle Erscheinung korrespondierte mit seinem Charakter und seinem Benehmen. Nicht umsonst sagte William Cody über ihn: „Iron Tail ist ohne jede Einschränkung der beste Mann, den ich kenne.“

* * *

Als Sinte Maza 1842 geboren wurde, waren die Oglala Lakota noch die uneingeschränkten Herren der Great Plains in Regionen, die später Nebraska, South Dakota und Wyoming heißen sollten. Er kam in einem Bisonhaut-Tipi zur Welt. Das Lager seiner Gruppe war in Bewegung. Die Krieger folgten einer Bisonherde. Seine Mutter sah von einem Hügel aus zu, wie die Männer die Herde jagten. Die Schwänze der Bisons standen hoch wie metallene Stangen, als sie in Stampede davonstürmten. Das gab ihr den Gedanken, ihren Sohn „Iron Tail“ zu nennen.

Er wuchs mit den Werten und den Lehren eines indianischen Jungen jener Zeit heran. Aber als er das Alter erreichte, auf den Kriegspfad ziehen zu können, hatte seine Gruppe bereits Frieden mit dem weißen Mann geschlossen.

Menschen, die ihm später begegneten und ihn nach seiner Jugend befragten, erfuhren, dass er keine bemerkenswerten Kriegstaten vorzuweisen hatte. Tatsächlich wurde er von Reportern häufig mit Chief Iron Hail verwechselt – die Namen klangen ähnlich –, der tatsächlich am Little Bighorn gegen die 7. US-Kavallerie kämpfte. Iron Tail war nicht am Little Bighorn, und seine Familie wurde auch nicht – wie einige andere Berichte es behaupteten – am Wounded Knee getötet.

Ein Zeitgenosse, Major Israel McCreight, schrieb über ihn: „Iron Tail war weder ein Kriegshäuptling, noch ein großer Kämpfer. Er war kein Medizinmann oder Schamane, aber er war ein kluger Ratgeber und Diplomat, stets voller Würde und Ruhe, niemals großsprecherisch. Er redete nicht viel und gab nicht viel auf prunkvolle Kleidung; er glich dem berühmten Häuptling Crazy Horse. Immer hatte er ein Lächeln auf den Lippen und liebte Kinder, Pferde und Freunde.“ (McCreight, The Wigwam: Puffs from the Peace Pipe. 1943.)

Seit den 1890er Jahren ritt Iron Tail mit „Buffalo Bill“ Cody. Er wurde neben Annie Oakley, der legendären Kunstschützin, zur absoluten Attraktion der Show und blieb bei Cody bis 1913, als das Unternehmen aufgelöst werden musste.

Danach wurde er von der „101 Real Wild West“-Show in Ponca City (Oklahoma) angeheuert.

Iron Tail war bereits ein internationaler Star, als er von dem Künstler James Earle Fraser als einer von drei Indianern ausgesucht wurde, für das Portrait auf der Rückseite einer neuen 5-Cents-Münze Modell zu stehen, für den sogenannten „Buffalo Nickel“ (auf der Vorderseite war ein Bison abgebildet).

Wo immer Iron Tail auftrat, beeindruckte er durch seine natürliche Souveränität und Würde. Er stand neben William Cody vor Staatspräsidenten und gekrönten Häuptern in Europa. Cody nahm ihn mit zu Jagdausflügen.

Aber natürlich war es sein markantes Aussehen, dass stark zu seinem Ruhm und seiner Ausnahmestellung beitrug, und es war eine bemerkenswerte Frau, die das öffentliche Bild von Iron Tail prägte. Im April 1898 besuchte die Fotografien Gertrude Käsebier den Auftritt Codys in New York. Zuvor hatte sie schon die Parade der Mitwirkenden auf der 5th Avenue gesehen.

Gertrude Käsebier gehörte zu den ersten in ganz Amerika bekannten Fotografinnen, als dieser Beruf immer noch männlich geprägt war. Sie war im Westen am Rande der Großen Ebenen aufgewachsen, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Indianerdörfern.

Käsebier nahm Kontakt mit William Cody auf und erhielt von ihm die Genehmigung, die Indianer seiner Truppe zu fotografieren. Da sie den Umgang mit Indianern gewöhnt war, hatte sie keine Probleme, von ihnen akzeptiert zu werden. Sie nahm diese Fotos nicht aus geschäftlichen Gründen auf. Ihr ging es nur um Ästhetik. Keines ihrer Fotos erschien jemals im Druck der Werbebroschüren der Show.

Iron Tail wurde ihr Lieblingsmotiv – denn der Lakota erschien zu den Aufnahmen ohne irgendwelche Showkleidung. Er war einfach er selbst, ließ sich aber schließlich überreden, seine Federhaube aufzusetzen. Gertrude Käsebier war begeistert von der Bescheidenheit des Auftretens, weil Iron Tail damit genau das demonstrierte, was sie fotografieren wollte – Natürlichkeit und Ursprünglichkeit. 1901 erschien eines ihrer Iron-Tail-Portraits auf dem Titelblatt des „Everybody’s Magazine“. Er wurde als Vertreter einer neuen Generation Indianer gefeiert, traditionell und zugleich der modernen Zeit zugewandt, stark und stolz.

* * *

Iron Tail war 74 Jahre alt, als er mit der „101 Wild West Show“ im amerikanischen Osten unterwegs war. William Cody trat ebenfalls als Angestellter der Show auf.

Im Mai 1916, als die „101 Ranch“ in Philadelphia (Pennsylvania) gastierte, erkrankte Iron Tail an Lungenentzündung. Er wurde ins St. Lukes Hospital der Stadt eingeliefert. Cody war gezwungen, seinen Freund zurückzulassen, da er einige Tage später in Baltimore auftreten musste. Einer von Codys Freunden, der auch mit Iron Tail befreundete Colonel McCreight in DuBois (Pennsylvania) erfuhr von der Erkrankung Iron Tails und telegrafierte an das Krankenhaus, den Chief zu ihm zu transportieren, wo er gepflegt werden sollte.

Das Telegramm erreichte nie sein Ziel. Stattdessen wurde Iron Tail in einen Zug gesetzt, der ihn nach Hause in die Black Hills bringen sollte.

Am Morgen des 28. Mai 1916 fand der Schaffner den alten Häuptling tot in seinem Schlafwagenabteil vor, als der Zug in South Bend (Indiana) hielt. Sein Leichnam wurde weiter in die Pine Ridge Reservation befördert. Hier wurde er am 3. Juni 1915 auf dem Friedhof der Holy Rosary Mission beerdigt.

Als William Cody vom Tod Iron Tails erfuhr, versprach er, für einen Grabstein zu sorgen. Aber dazu kam es nicht mehr – nur sechs Monate später starb auch „Buffalo Bill“ Cody in Denver.

So kam es, dass das Grab von Iron Tail keinen Stein erhielt – und es ist seither nicht mehr auffindbar.

  • Mit freundlicher Genehmigung von Dietmar Kügler.
  • aus Magazin für Amerikanistik – Zeitschrift für amerikanische Geschichte Heft 4 / 2018 und Heft 1 / 2019.
  • Bilder oben aus Heft 1/2019
  • Bild unten rechts: Montage U.R.

Quellen

  • Armstrong, Craven, et al., 200 Years of American Sculpture. 1976.
  • Augherton, Tom, Chief Iron Tail: Buffalo Bill Codys Lakota Ambassador was Immortalized in Nickel. In: True West, December 2014.
  • Barbara L. Michaels, Gertrude Käsebier, The Photographer and Her Photographs. 1992.
  • Delaney, Michelle, Buffalo Bill’s Wild West Warriors: A Photographic History by Gertrude Käsebier. Smithsonian, 2007.
  • Freundlich, A.L.The Sculptures of James Earle Fraser. 2001.
  • McCreight, Major (1943), The Wigwam: Puffs from the Peace Pipe. 1943.
  • Richard Green, I Dream of the Elk: Iron Tail’s Muslin dance shield. In “Whispering Wind”, March–April, 2009
  • Wilson, R. L./Greg Martin, Buffalo Bill’s Wild West: An American Legend. 1998.
  • Woody, Ken, Chief Ranger Little Bighorn Battlefield. Persönliches Gespräch, Juni 2014.
  • Prof. Dr. Ken Tankersley (Cherokee), berichtete über das Verhältnis zwischen William Cody und den Indianern. Er wies mich als erster auf den Stammesratsbeschluss der Oglala-Lakota nach Codys Tod hin. Eine Kopie des Original-Dokuments befindet sich im „Buffalo Bill Museum“ auf Lookout Mountain in Golden, Colorado, neben Codys Grab. Persönl. Gespräch im Juli 2006.
  • Bei mehreren Besuchen auf dem Friedhof der Holy Rosary Mission konnte ich das Grab von Iron Tail trotz intensiver Suche nicht mehr lokalisieren. Es ist auch in den Friedhofspapieren, die ich im „Museum of the Fur Trade“ in Chadron (Nebraska) einsehen konnte, nicht mehr gelistet. Vermutlich wurde es irgendwann eingeebnet, weil keine Angehörigen mehr vorhanden waren.

Liselotte Welskopf-Henrich, die Indianer & Brita Rose-Billert

Brita Rose – Billert schreibt „Indianerromane“. Das Liselotte Welskopf-Henrich dabei Pate stand, ist nicht schwer zu erkennen. Über ihre Erfahrungen beim Schreiben berichtet sie hier.

Brita Rose-Billert & Cheyenne

…zwei starke Frauen, zwei Autorinnen, eine Denkweise…

Zitat: „Meinungen zu haben, für die man nicht auch eintritt, erschien mir immer eine Schande.“

 Liselotte Welskopf – Henrich

Als Liselotte Welskopf – Henrich am 16.06.1979 ihre Reise zu den Ahnen antrat, war ich zwölf und bereits von ihren Geschichten infiziert.

Im Prinzip las und lese ich alles, was mir zwischen die Finger kommt. Ich bin neugierig auf alles, will meinen Wissensdurst stillen und bemerke immer wieder, dass ein Menschenleben nicht dazu ausreicht. Das ist die erste Gemeinsamkeit, die uns verbindet. Auch die als Elisabeth Charlotte Henrich 1901 in München geborene „verschlang“ im Alter von 13 Jahren vornehmlich Karl May und J.F. Cooper. Später (1925 als Dr. der Philosophie) verfestigte sich ihr bereits bestehendes Interesse an den Indianern. In ihrem Text: „Der moderne Mensch und die Abenteuerliteratur“ begründete die Autorin die Notwendigkeit, eine neue Indianerliteratur zu schaffen, denn das Karl May Schema erschien ihr längst überholt. Ihr Anspruch: Die Bekämpfung der tatsachenverfälschten Indianerromantik.

Unsere zweite Gemeinsamkeit: Wir spielten als Kinder „Räuber und Gendarm“ und „Cowboy und Indianer“, und kämpften mit einem solchen Eifer und Gerechtigkeitssinn, dass wir glaubten, alles sei Real.

Als eines ihrer großen Vorbilder nannte L. Welskopf –  Henrich immer wieder den bereits von Goethe geschätzten Amerikanischen Autor James Fenimore Cooper (1789 – 1851), dessen Lederstrumpfwerke das Interesse, besonders in Europa – an den Indianern Nordamerikas weckte.

Sie hingegen hatte mit ihren Werken „Die Söhne der großen Bärin“ und „Das Blut des Adlers“ mein Interesse geweckt. Jahrelang suchte ich immer wieder nach anspruchsvoller Indianerliteratur, die jedoch dünn gesät war. So wandte auch ich mich aller Fachliteratur zu, die ich finden konnte. Je mehr man sich darin verstrickt, je mehr versteht man die Denk- und Handlungsweise, fühlt und denkt man wie sie. Und das ist auch etwas, was ich an meiner Lieblingsautorin und großem Vorbild L. Welskopf – Henrich so sehr schätze. In ihren Romanen sind die „Indianer“ die Helden der Geschichten und sie beleuchtet in ihren Romanen genau diese Dinge, taucht tief in die Psychologie der Indigenen ein, sodass sie nachvollziehbar und verständlich für (fast) jedermann wird.

Psychologie hatte ich in meinem Studium der med. Fachhochschule in Erfurt als allgemeine und spezielle Psychologie des kranken Menschen. Die Fähigkeit tiefer Empathie, ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und die wahrscheinlich angeborene Fürsorge für Schwächere waren ihr und mir eigen.

Ich hatte nie vor ein Buch zu schreiben, geschweige denn Bändeweise. Doch irgendwann ging mir der Lesestoff aus. Leider muss ich zugeben, dass mir immer wieder romantische Abenteuerliteratur in die Finger kam, in dem zwar „Indianer“ auch mit Protagonisten waren, aber dennoch im ständigen Algorithmus unwissende Europäer/-innen zu „Indianern“ reisten, diese und ihre völlig fremde Lebens-weise neu entdeckten und sich oft genug in einen „Indianer“ verliebten. Ich möchte das alles nicht verteufeln und es gibt tatsächlich einige gut geschriebene Bücher, die auch realistische und politische Themen im Hintergrund beschreiben.

Doch ich wollte etwas Anderes!

Ich wollte von Menschen wie Stein mit Hörnern lesen, von Joe King und ihrem unermüdlichen und gefährlichen Leben und Überlebenskampf im modernen Amerika des 21. Jahrhunderts. Ich wollte von ihrem Alltag lesen, ihrer Zusammengehörigkeit, ihrem Familienleben, ihren Ritu-alen, die sie vom Gestern ins Heute getragen haben. Ich wollte an ihren Erfolgen und Misserfolgen teilhaben und nicht zuletzt auch an ihren Liebesgeschichten, die das Leben ausmachen.

Die Idee, einen jungen Lakota, einen Rebellen wie Joe King aus L. Welskopf – Henrichs Pentalogie „Das Blut des Adlers“ in unsere Gegenwart zu holen, war geboren.

Die Lebensgeschichte des jungen „Indian Cowboy“ Ryan Black Hawk schrieb sich wie von selbst. Sowohl Joe King als auch Ryan Black Hawk sind außergewöhnlich, sensibel und Kämpfer, mutig und verzweifelt, mit einer ganz eigenen Art von bissigem Humor, Ironie und Sarkasmus. Joe nannte es „seine Maske“, um sich selbst zu schützen. Ryan nennt es „sein Rodeo“, das ständige Auf und Ab des Lebens, in der Gewissheit, immer wieder in den Dreck zu fallen, um immer wieder aufzustehen.

Wer die Romane aufmerksam liest, kann und wird sich selbst darin wiederfinden. Die Worte sind Botschaften an die Leser und Leserinnen, um ihnen Mut zu machen und niemals aufzugeben.

„Jeder Einzelne von uns kämpft für seine Existenz, für sein Leben und Überleben, für seine Träume, egal, wo auf der Welt und auf ganz unterschiedliche Weise.“

Diese Botschaft sende ich mit meinen Romanen heute. Die-se Botschaft senden L. Welskopf – Henrichs Romane und haben damals wie heute Bestand. Leser die sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen dürften an ihren Werken nicht vorbei kommen. Ihre Bücher sind sehr fesselnd geschrieben, vom Anfang bis zum Ende und haben mich tief berührt und geprägt. Sie geben uns Helden, Mut und Zuversicht, etwas, das in unserer Zeit wichtiger denn je ist. L. Welskopf – Henrich gab und ich gebe diesem, vom aussterben bedrohtem Volk, eine Stimme. Die Lakota gaben ihr den Namen Lakota Tashina – Die Schutzdecke der Lakota, nicht ohne Grund.

„Die Söhne der großen Bärin“ wurde 2017 vom Palisander Verlag neu als Hardcover Version herausgegeben.

Bücher verleihen unseren Träumen Flügel, entführen uns in fremde Welten, lassen uns zu den Sternen fliegen und geben uns die Kraft, in der Realität zu bestehen.

Keine Angst. Ich lebe nicht wie Karl May in der Welt meiner Bücher. Ich kann Roman und reale Welt durchaus auseinander halten. Doch auch die reale Welt hat sehr viel Einfluss auf meine Romane. Ja, die Romane enthalten sehr viel Realität.

Meine indigenen Romanhelden leben tatsächlich und kämpfen jeden Tag um ein menschenwürdiges Leben, um Jobs, um ihre Familien, um Dinge, die wir längst als selbstverständlich ansehen. Sie legen Wert darauf, dass alles realistisch dargestellt wird und sie auch nicht nur als „grimmige Krieger“ dargestellt werden. Die „Indianer“ besitzen einen ganz außergewöhnlichen Humor, ggf. albern. Ich habe noch nie so viel gelacht wie mit ihnen. Und sie sind sehr mitfühlende Menschen! Wer noch immer glaubt „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“, der kennt diese Menschen tatsächlich nicht.

Aber nun überzeugen Sie mal einen Verlag, einen solchen außergewöhnlichen Roman zu veröffentlichen.

„Das Buch hat Potenzial, aber literarisch…“

„Indianerbücher! Nein. So etwas liest doch heute niemand mehr…“

„Karl May haben wir schon…“

Mit ähnlichen Schwierigkeiten hatte auch L. Welskopf –  Henrich zu kämpfen. Damals wie Heute hat sich daran nichts geändert. Leider. Ihr Buch „Die Söhne der Großen Bärin“ brauchte etwa 11 Jahre, bevor es endlich publiziert wurde, um danach bereits vier Wochen später ausverkauft zu sein.

„Manche Dinge wird wohl jedes Kind besser begreifen…“, sagte sie selbst einmal.

Doch weder sie noch ich gaben auf!

Seit 2010 wurden vier meiner Romane beim Traumfänger Verlag publiziert, der sich Fachverlag für Indianerliteratur auf die Fahne schrieb, und mit viel Herzblut über die „Indianer“ Nordamerikas arbeitet.

„Maggie Yellow Cloud – Eine Lakotaärztin in Gefahr“ / „Die Farben der Sonne -Die Geschichte der Steinpferde…“ / „Maggie Yellow Cloud – Das verkaufte Herz“ / „Sheloquins Vermächtnis“

Doch mein Ryan Black Hawk verschwand, ohne Lektorat und ohne professionelle Covergestaltung zum Tode verurteilt, in der Schublade eines Möchtegern Verlages. Diesem kündigte ich schließlich. Da ich bereits beruflich Selbstständig war, entschloss ich mich, selbst die Zügel in die Hand zu nehmen. Ich überarbeitete den Roman vollkommen.

Geplant waren 5 Bände in Anlehnung zu L. Welskopf –  Henrichs Werk „Das Blut des Adlers“. Nun sind 6 Bände daraus geworden, die ihre Leserschaft im Insiderbereich der Indianerliteratur gefunden haben und nun bereits auch außerhalb. (Die Vorurteile und Klischees sind gerade hier immens.)

Denn es ist, um hier noch einmal L. Welskopf – Henrich zu zitieren: „…es ist keine Indianer / Abenteuerserie, sondern die Geschichte einer Jugend und Entwicklung unter dramatischen und tragischen Verhältnissen…“

…eine Lebensgeschichte, in dem Familie, Pferde und Liebe die Kraft geben, zu kämpfen. Ein ständiges Auf und Ab, in dem es Tränen gibt und viel gelacht wird.

„Denn Lachen ist unsere einzige Waffe gegen die Resig-nation!“, sagen meine Lakotafreunde dazu.

Oder wie der Chinese im Roman eine Weisheit seines Volkes zum Besten gab: „Das Leben meisterst du entweder lächelnd oder gar nicht.“

Heute arbeite ich in meinem Team „Seitenweise Voraus“ mit meinem Sohn als Coverdesigner und meinem Lektor aus Weimar zusammen, der ein echter Nachfahre Johann Wolfgang von Goethes ist. Dieser wohl, einer der bekann-testen Deutschen „Dichter und Denker“, wäre möglicher-weise begeistert… So schließt sich der Kreis.

Alle bisher erschienen Bände waren, zumindest für einige Wochen, mit (Verlags) Bestseller versehen.

Indian Cowboy – Brita Rose – Billert

Der Steinknabe

Großeltern erzählen Märchen. Ein indianisches Märchen erzählt Untschida, das Großmüttcherchen, den Kindern Mattotaupas in Die Söhne der Großen Bärin. Mehrfach wird die Geschichte im Roman erwähnt. Ähnliches kommt in Das Blut des Adlers vor. Liselotte Welskopf- Henrich hat das Märchen erstmals 1952 in einem separaten Kinderbuch erzählt. Kindergeschichten erfand sie für ihren Sohn Rudolf, der dies in einem Interview erwähnte. Jahre später erst verwendete sie den Stoff wieder, wenn es um die Kinder der Familien , die sie beschrieb, ging.

„In uralter Zeit lebte in Amerika das Indianermädchen Hiladih. Hiladih ist ein schöner Name, er bedeutet ‚reine Quelle‘. Hiladih wohnte mit ihren zehn Brüdern in einem tiefen Wald. Des Morgens früh, wenn die Sonne aufging, badete Hiladih im klaren Bach, und die Drossel sang ein Lied dazu. Auf der Wiese am Bach stand das Mädchen und flocht ihr schwarzes Haar in zwei lange Zöpfe.“

LWH – Der Steinknabe – Seite 6

So beginnt das Märchen in dem schmalen, bunt bebilderten Kinderbuch des Eulenspiegel-Kinderbuchverlages. Eines Tages sind die zehn Brüder des Mädchens verschwunden. Hiladih sucht sie und findet schon ziemlich verzagt einen schönen bunten Kiesel am Bachufer. Diesen nimmt sie mit, drückt ihn an ihr Herz und so wurde aus ihm „Steinknabe“. Steinknabe findet als er älter wird auch die zehn Brüder wieder. Nun stellt der Bursche fest, dass er unverwundbar ist und so wird die Jagd sein ein und alles. 

„Der Wolf konnte ihn nicht beißen. Mato, der Bär, hatte zwar starke Tatzen mit großen Krallen und vermochte einen Mann niederzuschlagen, aber dem Steinknaben konnte er nichts anhaben. Wenn der Büffel Tatanka den Steinknaben auf die Hörner nahm und durch die Luft auf den Boden warf, so lachte der Steinknabe nur und stand wieder auf. Steinknabe wurde immer übermütiger, weil kein Tier ihn besiegen konnte. Er tötete nicht nur die Tiere, deren Fleisch er mit seiner Mutter und seinen Onkeln zum Essen brauchte. Er tötete alle Tiere, die er im Wald und auf den Wiesen fand.“

LWH – Der Steinknabe – Seite 14

Doch die Tiere, die ja nach dem Glauben der Indianer auch eine Seele haben, verbünden sich gegen den unerbittlichen Jäger, der am Ende das wird was er ist: Ein STEINKNABE.

Eine ähnliche Geschichte erzählt Zitkala-Ša in Roter Vogel erzählt. [1] Im Kinderbuch ist die Figur des Steinknaben  negativ besetzt. Eine einsame Frau spricht viele Gebete zum Volk der Wakan (Geheimnis). Sie hatte in ihrer Hütte einen schwarzen Stein zum Messerschärfen und Felle gerben. Eines Tages war der Stein fort. An seiner Stelle lag in Baby auf einem Luchsfell.

Der Junge wurde ein guter Jäger, der schon oft die Mutter von deren vier Brüdern erzählen hörte. Mit fünfzehn Jahren machte sich der Steinknabe auf den Weg um sie zu suchen. Auf dem Weg begegnet er einem Grizzly, einem alten Großvater ohne Beine. Der Steinknabe nimmt die Beine des getöteten Grizzly und bindet sie an die Stümpfe des Großvater, in der Schwitzhütte wird daraus ein Wesen, halb Mensch halb Bär. So entstehen die Braunbären. Der Knabe findet eine Frau, verwandelt einen bösen wakan-Mann in einen Fisch und kehrt mit der Familie wieder zu seiner Mutter zurück. Die vier Brüder hatten gehört, dass der Steinknabe zum Vater einer großen Nation werden würde, dies wollten sie unterstützen. Und so kämpften sie gegen Schwärme von Fliegen und Mücken und besiegten diese. [2] Als das Volk gewachsen und stark war, fanden sie von ihm nur noch einen schwarzen Stein.

Zitkala-Ša (Roter Vogel) die als Gertie Eveline Felker bereits 1876 in einer Reservation geboren wurde, erzählt damit einer der Entstehungsmythen der Sioux-Nation. Den Stoff nahm Welskopf-Henrich in einer für uns märchengerechter und gewöhnter Form auf. Es ist nicht bekannt, ob sie die Geschichten der Dakota Zitkala-Ša kannte, sicher ist, dass sie Geschehnisse, die George Catlin (1796 – 1872) in  Sitten, Gebräuche und Lebensumstände der nordamerikanischen Indianer bereits 1842 beschrieben hatte, verwendete. Da ihre Bibliothek im Zuge der Bombardierungen Berlins am Ende des 2. Weltkrieges vernichtet wurde, ist es nur schwer möglich, auf tatsächlich verwendete Quellen zu schließen. [3] Nicht nur die Texte Catlins aus dem 19, Jahrhundert, auch die heute zugänglichen wie die von Zitkala-Ša zeugen im Nachhinein von der großen Informiertheit der Schriftstellerin über ihr „Nebenfach“. Als Dozentin und dann Professorin für Alte Geschichte, sind ihr aber intensives und zielgerichtetes Quellenstudium geläufig gewesen.

Fabeln handeln meist von Tieren mit menschlichen Eigenschaften, die auch menschlich handeln. Hier könnte von einer Fabel gesprochen werden, denn die Tiere verbünden sich menschlich gegen einen Menschen. Oder von einem Märchen über eine wundersame Begebenheit (die Verwandlung aus/in einen Stein) in mündlicher Überlieferung. Durch die fehlende Schriftsprache der Sioux kommt diesen Überlieferungen eine wirklich hohe Bedeutung zu. Daher sind sie aus einer Beschreibung oder Erzählung zur Kultur eines indigenen Volkes nicht wegzudenken. Angehörige der Uramerikaner begannen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, Mythen, Legenden und Märchen aufzuschreiben. Zu diesen zählt John Okute Sica, geboren 1890, den Liselotte Welskopf-Henrich auf einer ihrer ersten Reisen nach Nordamerika kennenlernte und von dem sie ein Manuskript [4] mit derartigen Aufzeichnungen erhielt.

Der alte Lakota schrieb und bestätigte damit das Bild der Autorin, die sich bis dahin zum Beispiel an Catlin orientierte.

„Die Sioux betrachten den Büffel als heiliges Tier. Bei der Jagd beten sie, sie danken dem Großen Geheimnis für die Jagdbeute. Außer dem Blut und dem Mageninhalt wurde nichts weggeworfen. Jede Unze Öl wurde aus den Knochen geschmolzen, und sämtliche Innereien wurden als Nahrung oder für andere Zwecke verwendet. Ein Sioux tötete einen Büffel nur dann, wenn er oder seine Stammesgenossen ihn benötigten.“

Okute Sica: Das Wunder vom Little Bighorn, Seite 189

Die Geschichte vom Steinknaben ist damit auch eine Lehrgeschichte für „Indianerkinder“ wie sie Liselotte Welskopf-Henrich später in Harka – Sohn des Häuptlings beschrieb. Das Kinderbuch entstand bereits 1952. Natürlich verwendete die Autorin diese wieder, später auch in den Bänden der Pentalogie Das Blut des Adlers. Doch sind die Romane der Autorin, die im besten Sinne historische Romane sind, keine Sammlung von Märchen und Legenden. Daher „mussten“ diese eher kurz erwähnt und dann ausgelagert werden.

  • [1] Zitkala-Ša: Roter Vogel erzählt – die Geschichten einer Dakota / Palisander-Verlag Chemnitz 2015 / ISBN: 978-3-938305-70-6
  • [2] Die Insektenschwäre stehen für angreifende Stämme
  • [3] Quelle: Rudolf Welskopf
  • [4] Das Manuskript wurde Jahrzehnte später von Frank Elstner übersetzt. die Rechte dazu erhielt er von den Nachfahren des indianischen Schriftstellers. Okute Sica, John: Das Wunder vom Little Bighorn / Palisander-Verlag / Chemnitz 2009 / ISBN: 978-3-938305-10-2
  • DNB / Eulenspiegel Kinderbuchverlag / Berlin 2011 / ISBN:  978-3-359-02337-1 / 36 Seiten

© UR (29.11.2020)